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Literatur

Hintergründige Erinnerungen

1945 1960 1980 2000 2020

JOHN UPDIKE (GEST. 2009) ERWEIST SICH AUCH IN SEINEN NACHGELASSENEN ERZÄHLUNGEN ALS MEISTER.

1945 1960 1980 2000 2020

JOHN UPDIKE (GEST. 2009) ERWEIST SICH AUCH IN SEINEN NACHGELASSENEN ERZÄHLUNGEN ALS MEISTER.

Altersthemen haben Leserzulauf in diesem Bücherfrühling. Alzheimer, Parkinson, Demenz, Impotenz - die Gemeinde rüstet, so scheint es, für das Unabänderliche. Nicht erfunden, sondern buchstäblich erlitten erscheinen die letzten Erzählungen, die der große amerikanische Epiker John Updike nach seinem Tod vor mehr als zwei Jahren hinterlassen hat. Erinnerung wird darin zum Alleinherrscher über die Zeit. Vergangenheit verdrängt die Gegenwart. Geschichten halten die Identität der alternden Protagonisten aufrecht. Altersgeübte Gewohnheiten sind Haltegriffe, die von Tag zu Tag, von Niederlage zu Schwermut, von der Plage zum Leiden führen. "Schmerzfunken" heißt das dann, in Maria Carlssons wie immer fließend funkelnder Übersetzung (nur "Haushaltswarenladen" ist ein Unwort).

Glück im Alter

Aber Glück im Alter ist möglich, trotz Wehmut und zunehmender Isolation. Es geht um lebendige Menschen, voll Sehnsucht nach Nähe. Der Ruhestand hält Bewegung, Überraschung bereit. Das Langzeitgedächtnis ruft Kindheitsdetails ab. Die Erinnerungen werden hintergründiger. Was stets gesucht wird, ist: Teilbarkeit der Erinnerungsausflüge, Gemeinsamkeit der Gedächtnisfahrten. Als entwaffnend schlicht, doch als nachdrücklich erweisen sich dann Einsichten wie: "Es ist leicht, Menschen in der Erinnerung zu lieben; schwierig ist es, sie zu lieben, wenn sie da sind, vor deinen Augen."

Updike erzählt gewohnt glänzend: Da gerät die Wiederbegegnung mit fremden Landstrichen -Marokko, Spanien, Ostdeutschland, Indien -für die Reisenden immer aufs Neue zur Musterung einstiger Gefühle, Begegnungen, Irrtümer. Da fährt ein Witwer Hunderte Meilen weit von Massachusetts nach Florida, um eine Jugendgeliebte wiederzusehen -und findet nach der Begegnung nur die Gewissheit, für immer mit seiner verstorbenen Frau verbunden zu sein. Und da hält beim Senioren-Klassentreffen einzig die Erinnerung dessen, der vor Langem in die Ferne aufgebrochen war, der Erosion der Zeit stand: "Die Fragen, die er stellte, die Einzelheiten, die ihm einfielen, stiegen aus Jahren auf, die für ihn die Frische und Dringlichkeit jugendlicher Erinnerungen hatten, die aber für seine Freunde begraben waren unter dem Treibsand von Jahrzehnten, von Tausenden von Tagen, die sie in dieser immer gleichen Region verbracht hatten, heranreifend, heiratend, Kinder zeugend, Eltern zu Grabe tragend, sich zur Ruhe setzend."

Wohlverdiente Lebensabende

Indes, die Erinnerung führt auch weiter zurück, in die plötzliche Armut durch die Weltwirtschaftskrise anfangs der Dreißigerjahre, und krallt sich an so fernen Gestalten wie Roosevelt-Anhängern und -hassern fest. Für Altersweisheit bleibt wenig Zeit: Die meisten dieser Senioren "hatten sich für einen wohlverdienten Lebensabend gerüstet, mit festgelegten Auslandsreisen, Enkelkinder-Hüten und Fitnessclub-Besuchen".

Updikes Erzählstärken sind unvermindert ablesbar: atmosphärische Genauigkeit, Detailwissen, aromatisches Genießertum in seiner Prosa. Nicht nur die eindrucksvolle Nachprüfung von Geschichten hält sie für den Leser bereit, sondern ein mindestens ebenso gewichtiges Goldstück fortwirkender Literatur: Vorauswissen.

Die Tränen meines Vaters und andere Erzählungen Von John Updike Aus dem Engl. von Maria Carlsson Rowohlt 2011 367 S., geb., € 20,60