Janisch - © Foto: Michael Roher / Tyrolia
Lektorix

Heinz Janisch stellt sich auf die Schultern eines Riesen

1945 1960 1980 2000 2020

Inspiriert von Christian Morgensterns „Galgenliedern“ hat Heinz Janisch mit „Jaguar, Zebra, Nerz“ zwölf poetische Miniaturen geschaffen.

1945 1960 1980 2000 2020

Inspiriert von Christian Morgensterns „Galgenliedern“ hat Heinz Janisch mit „Jaguar, Zebra, Nerz“ zwölf poetische Miniaturen geschaffen.

Um die vorletzte ­Jahrhundertwende, „in einer bewegten Zeit“, wie es im ersten Satz der Einleitung heißt, hat Christian Morgenstern seine „Galgenlieder“ geschrieben, „Das große Lalulā“, „Fisches Nachtgesang“, „Der Lattenzaun“ oder „Der Werwolf“ – ­lauter lyrische Monolithen, die in filigraner Gestalt daherkommend mal komisch und mal verrückt tönen, verspielt, tiefsinnig oder geheimnisvoll. „Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt“ gehört dazu: „Jaguar / Zebra / Nerz / Mandrill / Maikäfer / Pony …“ Laut aufgesagt nimmt dieses Gedicht den Charakter einer Beschwörungsformel an. Heinz Janisch und Michael Roher haben sich davon bezaubern lassen und ein „Jahresbuch“ daraus gemacht.

Ein Wagnis war es jedenfalls für den Autor Heinz Janisch, sich so unmittelbar auf die Schultern eines Riesen zu stellen. Aber er hat gute Voraussetzungen, kommt er doch aus einer österreichischen kinderlyrischen Tradition, in der das Sprachspiel eine wichtige Rolle spielt, auch die Lust am Unsinn, dem oft ein tie­ferer Sinn eingeschrieben ist. Dazu kommt sein Vermögen, empfindsam zu schreiben, ohne kitschig zu werden.

Beides zusammenführend hat er hier poetische Miniaturen geschaffen, die subtil anknüpfen an Morgensterns zwölf Wortgebilde und sie angemessen, aber eigenwillig weiterdenken: „Im Monat Jaguar bewege ich mich mit großer Geschmeidigkeit“, beginnt der erste Text, in dem das lyrische Ich selbstbewusst durch die Welt geht und von allen respektiert wird. Schon im Monat Zebra aber ist das ganz anders, da „bekommen meine Gedanken Streifen“: Das Wissen um die zwei Seiten, die alle Dinge haben, führt dazu, dass jeder Stein vorsichtig umgedreht werden muss. So geht es weiter, Monat für Monat ändern sich Selbst- und Weltwahrnehmung.

Und jedes Mal stellt ­Michael Roher eine Illustration dazu, in der er einen Gedanken oder den Grundton des jeweiligen Monats aufnimmt. Mit Buntstiften zeichnet er Figuren und zarte Muster, die Striche dicht an dicht malt er jedes Blatt bis zum Rand aus, wodurch eine große Tiefe und Intensität entsteht. Wenn es etwa heißt: „Im Monat Nerz werde ich gerne berührt“, ist auf dem Bild ein Menschenknäuel samt Katze zu sehen, das auf Teppichen, Pölstern und Stoffen in dunklen, warmen Rottönen und mit schönen Mustern sich und die Leserinnen und Leser umfängt.

In aktuell bewegten Zeiten ist Heinz ­Janisch und dem eine Generation ­jüngeren Michael Roher in ihrer ersten Zusammenarbeit ein heiter-tiefsinniges Buch gelungen, in dem sich die beiden als wahre Galgenbrüder erweisen und Herrn Morgenstern alle Ehre machen.