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Vom Terror der Wahlmöglichkeit

"Das Ende der Liebe“ erzählt vom Unmöglichwerden fester Partnerschaften in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Die schmerzhafte Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, der totalen Selbstverwirklichung und die gleichzeitige Scham darüber, doch nicht aus der Fülle an Möglichkeiten das Beste für sich herausholen zu können - das alles zusammen ergibt, so Hillenkamp, das neue Liebesunglück. "Die Suche und das Auswählen sind zu beherrschenden Seins-Modi geworden“, meint der Berliner Autor und Journalist, der für seinen erstmals 2009 und nun als Taschenbuch erschienenen Essay-Band den Clemens-Brentano-Preis erhalten hat. Denn Menschen sind heute konfrontiert mit einem Überfluss an möglichen Ausbildungen, Berufen, Wohnorten, Religionen, Lebensformen. "In dem Moment, in dem ein Mensch denkt: Ich habe zwar einen Partner, aber ich werde einen besseren erst in ein paar Jahren treffen, in diesem Moment wird Liebe unmöglich“, schreibt Hillenkamp. Er skizziert den freien Mensch als beziehungsunfähig. Der Autor erzählt von Menschen, die trotz Partnerschaft heimlich online weitersuchen - die Versuchung immer nur einen Mausklick entfernt; von unendlich hohen Erwartungen nach Geborgenheit und Abenteuer, Sicherheit und Abwechslung; von vorgegaukelter Freiheit und dem Terror der Wahlmöglichkeiten.

Als ebenso paradoxe wie logische Konsequenz unendlicher Liebesfreiheit sieht der Autor die Wiederkehr der Vernunftehe. Diese sei keine materielle Notwendigkeit mehr, sondern eine therapeutische. Romantisch ist das nicht.

Mit einer klaren Sprache rüttelt Sven Hillenkamp seine Leserinnen und Leser wach und hält ihnen den Spiegel vor. Dieses Buch ist weder Beziehungsratgeber noch Lamento nach dem Motto "Früher war alles besser“, sondern eine kluge soziologische Analyse, ein Beitrag zur notwendigen Neubestimmung von Liebe und Freiheit.

Das Ende der Liebe

Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit. Von Sven Hillenkamp, dtv 2012. 290 S., TB, e 9,90

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