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Von Candide bis Bush

Der Entwicklungsroman als Schlüssel zum Verständnis gesellschaftlicher Entwicklungen

Das Problem des gegenseitigen Verstehens verschiedener Kulturen beginnt bereits in Europa, denn trotz ihren gemeinsamen Wurzeln fühlen sich die Europäer nicht nur durch die Globalisierung, sondern oft auch durch die weitergehende Integration in der EU in ihrer Identität bedroht. Kulturelle Eigenheiten des Anderen bleiben oft unverständlich.

Den Einfluss, den die spezifische Form der Entwicklung der Kulturen bis hinein in unsere Mentalität ausübt, verdeutlicht mehr als manche soziologische Abhandlung der Entwicklungsroman. Heinz Hillmann, Peter Hühn und ihre Mitautoren bringen dazu Texte aus einem in Hamburg gehaltenen Seminar als Buch: "Der Entwicklungsroman in Europa und Übersee. Literarische Lebensentwürfe der Neuzeit".

Dabei wurde untersucht, wie in den Kulturen der Mensch in sein soziales Umfeld eingegliedert wird. Der Heranwachsende befindet sich in einem permanente Lernprozess. Ab etwa 18 Jahren beginnt die direkte Auseinandersetzung mit der Gesellschaft. Die Autoren fanden im Entwicklungsroman ein ideales Mittel, Unterschiede zu erkennen, die von Reisenden und wissenschaftlichen Beobachtern nicht gesehen werden.

Dabei erwies sich die Art, wie sich der europäische Roman in den letzten drei Jahrhunderten entwickelte, als eines der Felder, die erkennen lassen, wie stark gesellschaftliche Kraftlinien Mentalität prägen. Die deutsche Wiedervereinigung hätte uns alle auf diese Tatsache aufmerksam machen sollen. Handelte es sich doch um einen relativ kleinen Zeitraum unterschiedlicher Entwicklungen. Allerdings wird das Auseinanderdriften der beiden Deutschländer meist isoliert gesehen. Doch zumindest was Europa betrifft, liefen die gesellschaftlichen Herausforderungen über viele Jahrhunderte ähnlich ab, wenn auch mit gewissen Zeitverschiebungen. Dabei gibt es allerdings erstaunlich große Unterschiede.

In allen europäischen Sprachräumen, die im Großen mit den Kulturräumen übereinstimmen, fanden sich die Menschen von der industriellen Revolution und der Aufklärung in ihrer Lebensgestaltung gefordert. Sie eröffneten in einer Welt der Stände und unerschütterlichen Traditionen völlig neue Perspektiven für junge Menschen. In England bestimmte vorrangig die industrielle Revolution den Wandel der Lebenssicht, mit den Ideen der Aufklärung im Hintergrund und der Aristokratie als erstrebenswertem Leitbild. Robinson Crusoe meistert widrige Umstände und arbeitet sich durch persönliche Tüchtigkeit und kalvinistische Lebensführung aus den ärgsten Desastern zu materiellem Erfolg und schließlich gesellschaftlicher Anerkennung empor. In Deutschland sind es vorrangig die Ideen der Aufklärung, welche die Geister in Bewegung setzen, wenn auch versetzt mit einem gehörigen Maß kaufmännischem Wirklichkeitssinn. Goethes "Wilhelm Meister" beginnt als Kaufmann und behält auch als Theatermann den professionellen Ansatz. Erst die deutsche Romantik übernahm den Gegensatz von hoher Kunst und niedriger Erwerbstätigkeit aus Frankreich.

Auch Voltaires Candide ist ein Kind der Aufklärung, doch in der niedergehenden Gesellschaft Frankreichs geht er von Enttäuschung zu Enttäuschung und findet das Glück erst in einem abgetrennten Idyll, wo er durch harte Arbeit glücklich werden kann. Balzac und Flaubert stellen ihre Figuren in die reale Gesellschaft, wo Balzacs Lucien durch Kompromisse zerstört, Flauberts Frédéric desillusioniert wird. Es werden in Frankreich keine Erziehungsromane mehr geschrieben, doch gegen die verdorbene Gesellschaft steht weiterhin der Künstler als Verkörperung des reinen Menschen, wenn er auch, wie Lucien, ständig gezwungen ist, zweifelhafte Kompromisse zu schließen.

Bildung ohne Ende

Die kalvinistische Mentalität der bürgerlichen Schichten England wurde in den USA zur herrschenden Einstellung. Erfolg ist hier nicht nur Frucht harter Arbeit, sondern auch ein sichtbares Zeichen göttlicher Vorherbestimmung, und dies gilt auch für die Armen. Das Recht auf persönliche Entwicklung war damit so selbstverständlich, dass niemand einen Roman dafür brauchte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wandelte sich das Entwicklungsziel im englischen Roman vom Verwirklichen der eigenen Anlagen zum Finden der eigenen Identität gegen die Gesellschaft.

Nun schrieben Henry James und Mark Twain dort die ersten Romane persönlicher Entwicklung. Sie und ihre zahlreichen Nachfolger lassen, im Unterschied zum übrigen Europa, ihre Helden nicht in eine endgültige, der Norm oder dem Ideal entsprechende Form hineinwachsen, sondern in "eine sich ständig entwickelnde Persönlichkeitsbildung", die nie ganz endet. Hören wir das nicht jetzt bei uns als Notwendigkeit, um in der postmodernen Gesellschaft zu überleben?

Das Beispiel Japan scheint mir etwas zu kurz gegriffen. Die literarischen Analysen sind gut, doch fehlt das gesellschaftliche Umfeld zum Begreifen. Wenn etwa zum Roman "Lichtkreise" von Tsushima Yuko vermerkt wird, dass Tsushima "in bemerkenswerter Offenheit von allen inneren und äußeren Vorgängen schreibt, diese jedoch nicht reflektiert", lässt sich der Sinn des Romans im Hinblick auf persönliche Entwicklung für sein Publikum nur verstehen, wenn man weiß, welchen Tabubruch und damit Ausbruch in eine andere Art zu leben Tsushimas Offenheit für eine junge Japanerin bedeutet. Das erfährt man hier aber nicht. Im übrigen ist Japan kein "buddhistisches Land" sondern "auch buddhistisch". Für einen Westler schwer nachvollziehbar, der Protestant, Katholik oder Atheist ist, aber nicht am selben Tag einmal das Eine und dann wieder das Andere. Im 20. Jahrhundert ist der Entwicklungsroman an der zunehmenden Undurchsichtigkeit des Lebens zerbrochen. Der Lebenslauf im heutigen Roman zerfällt in Einzelteile, die sich nicht in ein großes Muster einordnen.

Die Verbindung literarischer Analysen mit den großen Zügen gesellschaftlicher Entwicklung lässt viel von dem verstehen, was heute abläuft und wie Wilhelm Meister in den Varianten deutscher Lebensauffassung nachwirkt. Das Aufzeigen der Rolle kalvinistischer Prinzipien in der Literatur dreier Jahrhunderte in England und den USA hilft begreifen, dass etwa die Grundtendenz des Neoliberalismus tief in der immer noch kalvinistisch geformten Mentalität der Angelsachsen liegt. Von Candide bis Bush: Selbst als Atheisten sind sie mit der Vorstellung einverstanden, der Reiche habe Gottes Segen und der Arme sei selber schuld.

DER ENTWICKLUNGSROMAN

IN EUROPA UND ÜBERSEE

Literarische Lebensentwürfe der Neuzeit. Von Heinz Hillmann und Peter Hühn, unter Mitarbeit von Bettina Friedl, Robert Hodel, Matthew Königsberg und Klaus Mayer-Minnemann.

WBG - Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001

303 Seiten, kart. e 26,45/öS 364,-

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