Wenig Urformen der Angst

Marcel Beyers neuer und vielgelobter Roman blickt wieder in die Vergangenheit. Er ist virtuos erzählt - doch die Hauptfigur lässt den Leser seltsam kalt.

Was fasziniert insbesondere jüngere Autoren so sehr an der deutschen Geschichte? Zunächst bemühten sich jene, die aus unmittelbarem Erleben schrieben, um die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit - man denke an Wolfgang Borchert oder Heinrich Böll, aber auch die jüngeren Günter Grass und Martin Walser.

Das Ende der deutschen Teilung gab dem Thema in den 1990er Jahren eine neue Dynamik. Nun waren es zugleich ältere und jüngere Autorinnen und Autoren, die wichtige Beiträge zur kollektiven Erinnerung lieferten, von der Autobiografie bis zum fiktionalen Verhandeln von Geschichte im Roman. Ruth Klüger beschrieb in "Weiter leben" ihre Kindheit in Konzentrationslagern, W. G. Sebald schilderte in "Austerlitz" das (fiktive, aber exemplarische) Schicksal eines Deportierten.

Shooting Star

Zu einem der Shooting Stars der deutschsprachigen Literatur wurde Marcel Beyer 1995 mit seinem Roman "Flughunde", darin werden die unmenschlichen Experimente des Akustikers Hermann Karnau geschildert, der ein Freund der Familie Goebbels ist. Beyers Roman hätte einen Skandal auslösen können: Karnau ist zugleich Nazi-Scherge und Identifikationsfigur, die detaillierten Beschreibungen betreffen beispielsweise auch den Selbstmord der Familie Goebbels, genauer gesagt: die Ermordung der Kinder. Vielleicht liegt es an Beyers unterkühlt-distanzierter und zugleich soghafter Sprache, die den dauerhaften Erfolg sicherte. Darin gleicht, bei aller Verschiedenheit, der 1965 geborene Beyer dem zwei Jahrzehnte älteren, früh verstorbenen W. G. Sebald.

Anders als Bernhard Schlink in seinem zeitgleich erschienenen Roman "Der Vorleser", in dem eine KZ-Aufseherin quasi aus Versehen zur Täterin wird und ihre Schuld später einsieht, vermeidet Beyer Überzeichnungen und einfach herzuleitende Positionsbestimmungen. Deshalb gilt, nach anfänglicher Euphorie, Schlinks Roman heute in Fachkreisen als umstritten bis dubios, während Beyers Text zu einem jungen Klassiker der Literatur über die NS-Zeit geworden ist.

Die Tendenz zum Understatement und zur Deutungsoffenheit hat Marcel Beyer in seinem neuen Roman "Kaltenburg" noch perfektioniert. Ich-Erzähler ist diesmal Hermann Funk, ein so genannter, mittlerer Held', also eine zwar sympathische, aber eher blasse Figur. Im Mittelpunkt steht jedoch der berühmte Zoologe Ludwig Kaltenburg, ein gebürtiger Österreicher, der nach dem Krieg in Dresden ein Institut für Vogelkunde aufbaut, bis er sich vom Regime in die zweite Reihe gestellt sieht und nach Wien wechselt, bevor ihn eine hermetisch abgeriegelte Grenze daran hindern kann.

Gut erfunden

Beyer erfindet eine ganze Welt neu - wer den Roman liest, hält es kaum für möglich, dass Kaltenburg nicht gelebt hat, dass er kein Guru der Vogelkunde gewesen ist. Freilich hat Kaltenburg ein Vorbild, den berühmten Tierkundler und Verhaltensforscher Konrad Lorenz, dessen braune Vergangenheit kein Hindernis für eine steile Wissenschaftskarriere nach dem Krieg war. Wie für Kaltenburg wurde auch für Lorenz ein eigenes Institut eingerichtet, allerdings nicht im Osten, sondern im Westen Deutschlands. Kaltenburgs Hauptwerk "Urformen der Angst", das zum Leitmotiv des Romans wird, entspricht Lorenz' "Das sogenannte Böse", in dem Aggressionen als "Urinstinkt" der Menschen bezeichnet werden. Kaltenburg und Lorenz sind Evolutionsbiologen, wobei sich Kaltenburg auf die Vogelwelt konzentriert. Kaltenburg hat aber auch Züge anderer berühmter Forscher, seine Vorliebe für Enten könnte er dem Ornithologen Oskar Heinroth verdanken.

Beyer hat, so lässt sich schlussfolgern, umfangreiche Recherchen betrieben, das gesammelte Material collagiert und fiktionalisiert. Daraus ist die Geschichte des Hermann Funk geworden, der als Kind eines Wissenschaftlers in Posen aufwächst und dort bereits, im Hause seiner Eltern, Kaltenburg kennenlernt. Funk verliert die Eltern im Februar 1945 während der Luftangriffe auf Dresden. Als Kaltenburg nach Leipzig berufen wird und in Dresden ein Forschungszentrum aufbaut, wird der junge Funk erst sein Faktotum, sein Mädchen für alles, und schließlich sein Schüler.

Dünn gewebt

Beyer lässt den alt gewordenen Funk in Gesprächen mit der Dolmetscherin Katharina Fischer über das Vergangene reflektieren, so ergibt sich eine komplexe, assoziative Erzählstruktur, die dem Roman zusätzlichen Reiz verleiht. Besonders glaubwürdig wirkt diese Konstruktion aber nicht, denn Frau Fischer weiß Dinge und stellt Fragen, die man einer Dame ihrer Profession nicht zutrauen würde - Beyer benötigt diese Figur aber als Stichwortgeberin.

Auch bleibt zu fragen, ob der Teppich aus Andeutungen über die Lebensgeschichten zahlreicher Figuren und deren Verknüpfung mit mehr oder weniger dunklen Episoden der NS- und DDR-Geschichte nicht an einigen Stellen etwas dünn gewebt ist und ausfranst. Außerdem ist er, um im Bild zu bleiben, manchmal etwas blass ausgefallen, er hätte ein paar kräftigere Farben vertragen können.

Beyer kann virtuos erzählen und der Roman ist die Lektüre allemal wert, aber anders als in "Flughunde" spielt die ambivalente Faszination des Bösen keine große Rolle mehr. Wenn es das Ziel gewesen sein sollte, die "Urformen der Angst" als geheime Triebkräfte unter dem dünnen Firnis der Zivilisation durchscheinen zu lassen, so ist das nur bedingt gelungen - mehr als ein Schimmer dringt nicht durch. Kaltenburg lässt kalt, die Faszination, die der Gelehrte auf seine Umwelt ausübt, bleibt dem Leser fremd.

Hintersinniger Humor

Dennoch muss man dem Roman bescheinigen, dass er zeigt, wie lohnend es sein kann, Geschichte aus scheinbaren Nebensächlichkeiten zu erzählen - denn diese Nebensächlichkeiten, das hat Beyer erkannt, sind eigentlich die Hauptsache. Sie machen die Originalität des Romans aus und transportieren seinen hintersinnigen Humor: ",Soll ich uns noch Kaffee bestellen?' Er (der Professor) hob den Deckel von der Kanne, als wolle er vorsichtig prüfen, ob sich ein Kleintier darin eingenistet hatte."

Kaltenburg

Roman von Marcel Beyer

Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2008

397 Seiten, geb., € 19,80

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