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Der Brachial-Bastler

Edith Jud gelingt es in ihrer Dokumentation "Dieter Roth", die Persönlichkeit dieses ebenso radikalen wie wegweisenden Universalkünstlers zu fassen.

Farbverläufe in vielen Schattierungen: Mit einem Zoom in den Kosmos des Hamburger "Schimmelmuseum" beginnt Edith Juds Doku "Dieter Roth". Hier stehen zwei Türme, 3000 Kilogramm schwer, bestückt mit Kopfbüsten aus Schokolade und Zucker, verrottend, von Insekten löchrig gefressen. Unerbittlich radikal setzte sich Roth (1930-1998) mit allen Formen des Verfalls auseinander. Ebenso schonungslos ehrlich dokumentierte er in seinen "Soloszenen" sein vom Alkoholkonsum gezeichnetes Alter.

Der Universalkünstler Roth - er war Maler, Zeichner, Plastiker, Designer, Dichter, Musiker, Filmer, Verleger, Installationskünstler, Kurator seiner eigenen Ausstellungen und nicht zuletzt Mäzen von jungen Künstlerfreunden - war eine rare Ausnahmeerscheinung. Er arbeitete wie ein Besessener und hinterließ ein gigantisches Oeuvre. Gefilmt, fotografiert, bemalt, etikettiert, machte er das Leben zur Kunst; seine Ateliers sind raumgewordene Psychogramme einer komplexen Persönlichkeit. Sohn Björn führt heute als Nachlassverwalter das Werk weiter, tingelt mit dem Rothschen "Wanderzirkus" durch die Museen der Welt. Beim aufwändigen Aufbau einer "begehbaren Gartenskulptur" im Basler "Schaulager" endet der Film. Ein überdimensionales Gebilde aus Leitern, Pflanzen, Industriemüll, Monitoren - in fragiler Balance gehalten von Seilen, so brachialgewaltig und verletzlich wie Roth selbst.

Eva Jud begleitet Björn nach Island. Hierher folgte Roth seiner "Liebe auf den ersten Blick", Sigrídur Björnsdóttir, die nach 30 Jahren erstmals über ihre leidenschaftliche Ehe spricht. "Dieter war meine Wurzel in der Welt", sagt auch Dorothy Iannone, die zweite prägende Frau im Leben Roths. Aber auch Weggefährten wie Gunnar Helgason, der Roths geniale Kindermöbel baute, Künstlerfreunde wie Arnulf Rainer, Emmet Williams, Jan Voss, Hermann Nitsch, Richard Hamilton, Bruder Wolfgang, Kurt Kalb, Verleger Hansjörg Mayer und Ex-Studenten kommen zu Wort.

Auf vielen Routen folgt der Film seiner lebenden Hauptfigur Björn an alle Orte und Ateliers, die Roths Stempel tragen. Persönlichkeit und Wandel vermitteln sich authentisch in seinen Tagebuchnotizen, Videos, Performances. Roth im witzig-künstlerischen Duett/Duell mit Rainer, beim souverän zweihändig Zeichnen, in promillehaltiger Verhandlung mit Galerist Kalb, mit dem Flachmann an der Brust bei der Rembrandt-Preis-Verleihung. "Man überlegte zwei Mal, bevor man ihn etwas fragte. Weil er immer sehr ehrliche Antworten gab. Das ist es, was ich von ihm lernte: zur Wahrheit der Dinge vorzustoßen," erzählt ein Student.

Auch der Film dringt an die Essenz. So unbequem, fragil und lebendig wie Dieter Roth.

DIETER ROTH

Schweiz 2003. Regie: Edith Jud.

Mit Björn Roth, Oddur Roth, Sigrídur Björnsdóttir, Dorothy Innanone, Richard Hamilton, Arnulf Rainer, Hermann Nitsch, Jan Voss, Kurt Kalb, Hansjörg Mayer, Wolfgang Roth, Gunnar Helgason. Verleih: Filmladen. 118 Min.

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