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Die Schöne aus Bergen

Hans Magnus Enzensberger nannte sie einmal die "beste Zeitung der Welt": Ein Blick in "Bergens Tidende", "Europe's best designed Newspaper" 2002.

Die beste Zeitung der Welt? Die New York Times, die Washington Post, Le Monde, die Neue Zürcher Zeitung? Nein, Bergens Tidende in Norwegen. Das hat Hans Magnus Enzensberger vor über zehn Jahren in seinem Buch "Ach, Europa" behauptet. Arild Berg Karlsen, Kulturchef und einer der strategischen Köpfe von Bergens Tidende lächelt, wenn er das Enzensberger-Zitat hört, winkt aber ab: "Nein, die beste Zeitung der Welt sind wir nicht. Das ist für eine norwegische Zeitung auch gar nicht möglich. Aber so ein Satz gibt uns schon das Gefühl, dass wir wahrgenommen werden, dass unser Blatt so schlecht nicht sein kann."

Ob die Norweger journalistischer Weltmeister sind oder nicht - in Europa gehören sie zu den Besten: Zusammen mit dem Leiter der Design-Abteilung Walter Jensen ist es nicht zuletzt Karlsens Verdienst, dass Bergens Tidende in diesem Jahr den "European Newspaper Award" für Zeitungsdesign erhielt. Dass der Titel nun für ein Jahr die Frontseite des 1861 gegründeten, liberalen Blattes ziert, lag vor allem am überzeugenden Konzept der Kulturseiten.

Die seit 1999 verliehene Auszeichnung gilt als "Oscar der Zeitungsbranche", wird von den Fachzeitschriften Medium Magazin, Der Österreichische Journalist und dem deutschen Zeitungsdesigner Norbert Küpper in vier Kategorien (Lokal, Regional, Überregional, Wochenzeitung) verliehen. 2002 bewarben sich 206 Zeitungen aus 22 Ländern. Die Zeitung aus der zweitgrößten Stadt Norwegens gewann in der Sparte Regionalzeitungen.

Viel Platz für Fotos

Typisch für Bergens Tidende - mit einer Auflage von 94.000 Exemplaren größte norwegische Zeitung außerhalb Oslos - ist eine klare Struktur sowie die großzügige Integration von aussagekräftigen Farbfotos in die Berichterstattung. Dadurch soll es dem an Fernsehen und Magazine gewöhnten Leser leicht gemacht werden, in die Zeitung hineinzufinden, erklärt Berg Karlsen. Während der vordere Teil der Zeitung, das erste Buch, regionale, nationale, internationale Politik sowie Wirtschaft umfasst, wirkt das zweite Buch mit Kulturteil, Meinungs- und Lokalseiten und den Serviceelementen Kulturkalender, TV-Programm, Wetterinformation "wie eine tägliche Beilage", so die Jury.

Das Layout-Highlight im vergangenen Jahr war die Gestaltung der Kulturseiten während des Bergen Festivals, einer der größten und wichtigsten Kulturveranstaltungen Nordeuropas. Zwei Monate vor Beginn des Festivals trafen sich die Chefs der Kultur-, Design- und der Foto-Abteilung, um die Kulturseiten zu planen. Als Walter Jensen damals vorschlug, die Kulturseiten im Magazinstil zu gestalten und mit einem ganzseitigen Foto aufzumachen, glaubte selbst der experimentierfreudige Berg Karlsen, dass damit der Rahmen einer Zeitung gesprengt werde. Das Ergebnis war jedoch so beeindruckend, dass es gedruckt wurde und zum Ansehen der Zeitung beigetragen hat.

Im Herbst will Bergens Tidende, die an Wochentagen mit rund 60 Seiten im breiten Nordischen Format erscheint, mit dem gleichen Konzept den Lokalwahlkampf entsprechend aufbereiten. Langsam werden so Image und Form der Zeitung verändert, erklärt Berg Karlsen. Da die Westnorweger "konservativ" seien, "ist es unser Trick, die Zeitung mit kleinen Änderungen so weiterzuentwickeln, dass es die Leser nicht sofort bemerken".

Skandinavischer Teamgeist

Nicht nur das Design unterscheidet Bergens Tidende von deutschsprachigen Zeitungen, sondern auch der "skandinavische" Führungsstil mit flachen Hierarchien und ausgeprägtem Teamgeist. Wer durchs moderne Redaktionsgebäude im Herzen Bergens geht und sich mit den Redakteuren unterhält, merkt schon bald den freundlichen Umgangston. "Wenn man Angst vor Fehlern hat, kann man nicht kreativ arbeiten. Deshalb versuchen wir, eine angenehme Arbeitsatmosphäre zu schaffen", sagt Politikredakteurin Trine Eilertsen. Das war nicht immer so. Durch interne Konflikte und aufgrund eines von den Lesern nicht goutierten Boulevard-Experiments verschliss die rund 125 feste und freie Journalisten sowie 15 Fotografen umfassende Redaktion in den neunziger Jahren zwei Chefredakteure. Erst Einar Hålien, der seit 1997 die Zeitung leitet, gelang es, die Redaktion mit einer Mischung aus diskursiver Freiheit und konzeptioneller Disziplin zu lenken.

Heute seien die Redakteure stolz auf ihre Zeitung, die auch wirtschaftlich erfolgreich arbeite, erklärt Arild Berg Karlsen. Da fällt es leicht, einer anderen Publikation den Vortritt beim Kampf um den Vorsitz im medialen Olymp zu überlassen: Persönlicher Favorit des norwegischen Kulturjournalisten und Liebhabers britischer Qualitätszeitungen ist der Londoner Guardian.

Der Autor ist freier Journalist in Deutschland und arbeitete zwei Monate als Stipendiat bei "Bergens Tidende".

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