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Dieses Wirrsal Welt

"Babel". Alejandro González Iárritu erzählt in drei miteinander verwobenen Geschichten und mit einer Handvoll Stars eine bestechende Parabel über die globalisierte Welt. von otto friedrich

Wirrsal, so heißt die Übersetzung des biblischen Ortsnamens Babel, an dem Gott die Sprachen der Menschen verwirrte. Wirrsal - und das nicht nur in Bezug auf die Sprache - ist auch eine Chiffre für den postmodern-globalisierten Zeitgeist. Und genau solche Chiffre namens Babel ist der durch und durch berechtigte Filmtitel für den neuesten Streich des mexikanischen Regie-Stars Alejandro González Iárritu, für den der Lateinamerikaner - gleichfalls durch und durch berechtigt - heuer in Cannes den Regie-Preis einheimste.

Babel ist der dritte Spielfilm von González Iárritu, und er setzt darin nach Amores Perros (2000) und 21 Gramm (2003) zum drittenmal ein episodisches Filmkonzept aus drei Geschichten fort, die Berührungspunkte haben und ineinander kunstvoll verwoben sind. Robert Altman, der kürzlich verstorbene Filmmeister, hat dieses Genre mit Short Cuts stilbildend geprägt, González Iárritu ist hier zweifelsohne dessen gelehrigste Schüler.

In Babel wird beschriebenes Konzept zur Parabel über Globalisierung: In Marokko (Geschichte 1) wird die amerikanische Touristin Susan von einer verirrtem Kugel, die zwei spielende Kinder-Hirten abgefeuert haben, getroffen. Ein absurder Wettlauf um ihr Leben beginnt, die weltweite und speziell US-amerikanische Terror-Hysterie treibt sonderbare Blüten und Ehemann Richard beinahe in den Wahnsinn. Auf die Kinder der beiden passt derweil im kalifornischen San Diego Kinderfrau Amelia auf (Geschichte 2), Doch als sie mit ihrem Neffen Santiago und den Kindern an der Hochzeit ihres Sohnes in Mexiko teilnimmt, ahnt sie noch nicht, dass sie bald in die US-mexikanischen Konflikte um illegale Einwanderung hineingezogen werden wird. Das Gewehr, aus dem sich Susan die Kugel in Marokko einfing, stammt vom japanischen Geschäftsmann Yasujiro, der in Tokio das Leben mit seiner taubstummen Tochter Chieko nur schwer bewältigt (Geschichte 3).

In diesen Geschichten sind noch allerlei familiäre und beziehungsmäßige Fallstricke und Nuancen hineinverwoben, sodass ein Tableau heutiger Weltgesellschaft entsteht, in der alles und nichts miteinander zusammenhängt.

Großes Kino, die vergleichsweise kleinen Rollen mit Stars besetzt - Brad Pitt (Richard), Cate Blanchett (Susan), Adriana Barraza (Amelia), Gael Garc\0xEDa Bernal (Santiago), K\0xF4ji Yakusho (Yasujiro), Rinko Kikuchi (Chieko) - vielschichtige Weltläufte in berührende Einzelschicksale aufgelöst, die aber, und das ist González Iárritus wirkliche Kunst, die (politischen) Verhältnisse spürbar machen.

BABEL

USA 2006. Regie: Alejandro González Iárritu. Mit Brad Pitt, Cate Blanchett, Said Tarchani, Boubker Ait El Caid, Adriana Barraza, Gael Garcia Bernal, Koji Yakusho, Rinko Kikuchi.

Verleih: Tobis. 142 Min.

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