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Gesellschaftskritiken

Zwei Zeitschriften für europäischen Diskurs: "WestEnd", die wiedererstandene "Zeitschrift für Sozialforschung" (Frankfurt), und "Transit" aus Wien.

Frankfurt-Westend: Elegante Villen im Schatten der Banken- und Versicherungstürme, aufgeräumte Straßenzüge, großzügige Gartenanlagen. Kaum zu glauben, dass sich inmitten dieser Vorzeigegegend mit dem seit 80 Jahren bestehenden Institut für Sozialforschung eine Einrichtung befindet, die sich bewusst in der Tradition linker Gesellschaftskritik sieht. Kaum zu glauben auch, dass das zentrale Organ des Hauses, die 1932 gegründete Zeitschrift für Sozialforschung, die so bekannten Geistern wie Theodor W. Adorno, Erich Fromm oder Walter Benjamin ein Forum bot, über 60 Jahre brauchte, um heute in überarbeiteter Form unter dem Namen WestEnd erneut an die Öffentlichkeit zu treten.

Eine Öffentlichkeit freilich, die sich mittlerweile soweit ausdifferenziert hat, dass keine normative Gesamtidee zur Einschätzung der gesellschaftlichen Lage mehr glaubhaft erscheint, so Direktor Axel Honneth. Daher sehe man es als Aufgabe von WestEnd, einer interdisziplinären Forschung ein neues Forum zu bieten und so gemeinsam an einem Begriff von Gesellschaft zu bauen, der sich weder in einseitig systemtheoretischen Reflexionen verliert, noch den alten Wein marxistischer Gesellschaftskritik einfach in die neuen Schläuche einer moderateren Begrifflichkeit umfüllt.

Entsprechend groß waren die Erwartungen - und sie wurden nicht enttäuscht. Sowohl die Themenwahl des ersten, im November erschienenen Heftes ("Gewaltverhältnisse") als auch die spezifische, Sozialwissenschaften und Philosophie verbindende Methode stellte das große Gespür der Herausgeber und Autoren für die pulsierende Aktualität der Gewaltthematik unter Beweis.

Beispielhaft sei hierzu der Leitartikel José Brunners, Philosoph aus Tel Aviv, genannt, der anhand des seit dem "11. September" viel diskutierten Begriffs des "Traumas" die gesellschaftlichen Folgen der im Terror offensichtlich werdenden Gewaltverhältnissen erläutert. So verdecke nämlich die inflationäre und politisierende Verwendung des Trauma-Begriffs gerade in den USA, dass die zentrale Botschaft traumatisierter Opfer selbst nicht gehört wird: die Botschaft von der "Verletzbarkeit" des Menschen und dem ihr eingeschriebenen Imperativ. Um es mit Adorno zu sagen, jener Imperativ, "dass Leiden nicht sein, dass es anders sein solle". Wer möchte daran zweifeln, dass diese, dem Erbe marxistischen Denkens entspringende und auf eine aktuelle Frage angewandte These heute weniger aktuell ist als vor 60 Jahren?

Postrevolutionäres Europa

In Wien kämpft seit 1982 das "Institut für die Wissenschaft vom Menschen" (IWM) an einer vergleichbaren "Front", wobei es sich dabei insbesonders im Vor- und Mitdenken für den demokratischen Aufbruch in Ost-(Mittel-) Europa verdient gemacht hat. Das Ziel lautet auch heute, in den wirtschaftlichen wie kulturellen Umbrüchen das "Projekt Europa" aus dem Dialog mit diesen Ländern auf Kurs zu halten und zu bereichern. Dieser Aufgabe widmet sich vor allem die Institutszeitschrift Transit, die bereits als "einer der besten publizistischen Wegbegleiter durch das postrevolutionäre Osteuropa" (Der Standard) gefeiert wurde. In ihrer vorletzten Ausgaben hat auch sie sich ausgiebig der Gewaltthematik sowie der nicht minder drängenden Frage nach der Rolle der Religion gewidmet. Momentan arbeitet das ebenfalls interdisziplinär ausgerichtete Forscherteam an der Frage, welche Rolle der EU in einer zusammenwachsenden und sich zugleich polarisierenden Welt zukommt.

Während WestEnd mit der Aktualisierung einer materialistischen Gesellschaftskritik jene Töne anschlägt, die in den Hallen einer ausdifferenzierten und vor ihrer eigenen Komplexität resignierenden Gesellschaft schon lange nicht mehr so deutlich zu hören waren, ergänzt Transit damit dieses Projekt durch die betont konstruktive Mitarbeit am "Projekt Europa". Und Europa braucht eine solche Forschung: Um der Anerkennung der kulturellen Unterschiede willen ebenso wie um der Aufdeckung des verbindenden kulturellen Ethos willen, welches unter der Oberfläche gesellschaftlicher Gewaltverhältnisse schlummert.

WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung. Hg. vom Inst. für Sozialforschung. Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main (www.ifs.uni-frankfurt.de/westend/), erscheint halbjährlich., e 10,-

Transit. Europäische Revue. Hg. vom Inst. für die Wissenschaften vom Menschen, Wien. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main (www.iwm.at/transit). e 14,-

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