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Schicksalshaft verknüpft

Die Romanverfilmung von "Gebürtig" ist geglückt: Geradlinig und glaubwürdig erzählt sie von den Altlasten der Vergangenheit.

Der Roman "Gebürtig" von Robert Schindel traf 1992 die österreichische Befindlichkeit mitten ins Mark. Die unbewältigte Vergangenheit des Holocaust liegt hier immer auf der Lauer, bricht aus dem schlummernden Unterbewusstsein ins Heute durch, verbindet schicksalhaft die Lebenslinien von Nachgeborenen, Überlebenden, Opfern und Tätern.

Mit "Gebürtig" ist nun den Regisseuren Lukas Stepanik und Robert Schindel eine romangetreue und überzeugende Literaturverfilmung gelungen. Schon die erste Szene bricht mit klischeebeladenen Sehgewohnheiten: KZ-Häftlinge stehen frierend zwischen Baracken und Stacheldraht, SS-Männer in Uniform patrouillieren mit scharfen Hunden vorbei. Ein alter Häftling fällt, ein SS-Offizier hilft ihm auf und gibt freundlich Feuer für die Zigarette. Das KZ ist nicht "echt", es ist Drehort eines Films. "Gebürtig" verweigert sich weitgehend Klischees, versucht nicht, Vergangenes in plakativen Bildern zu rekonstruieren. Das Grauen des Holocaust äußert sich hier in der Gegenwart, bricht in Träumen, Erinnerungsfetzen, Bildern, und Ängsten hervor.

Geschickt führt Schindel die Handlungsstränge, lässt zwanglos verschiedene Menschen und Perspektiven aufeinander treffen. Alle Schicksalsfäden enden in Wien, wo "Danny Demant's Mischpoche" in einem Lokal Kabarett spielt. Subtil zeigen sich tiefe Wunden in alltäglichem Verhalten. Emanuel Katz (Samuel Finzi) kompensiert seine "jüdische" Kleinwüchsigkeit mit großen Freundinnen. "Heißt sie Brünhild?" scherzt Demant (August Zirner). Auch er leidet: "An mir ist nichts echt", sagt er und gibt seine Beziehung zu Susanna (Ruth Rieser) auf, weil er der blonden, resoluten, deutschen Ärztin Crissie (Katja Kalteisen) verfallen ist. Auf unbewusster Selbstsuche meldet er sich als Komparse für einen Ausschwitz-Film. Beim Casting wird der alte Mann vor ihm abgelehnt. "Nicht jüdisch genug? Dem Hitler war ich jüdisch genug." Demant ist genau das, was sich Hollywood unter einem Juden vorstellt.

In Auschwitz begegnet er Konrad Sachs (Daniel Olbrychski). "Die Vergangenheit liegt ihm wie eine tote Ratte im Mund. Er kann sie nicht ausspeien und mag sie nicht mehr schlucken", heißt es über ihn. Sachs ist Sohn eines hochrangigen KZ-Arztes, Bilder aus der Kindheit verfolgen ihn. Vom souveränen Redakteur beim Hamburger "Echo" wandelt er sich zum psychisch zerrütteten Wrack, das vergeblich Vergebung bei nachgeborenen Juden sucht.

Fast alle stolpern über Altlasten. Auch Demants Ex-Freundin Susanne wird plötzlich mit der Geschichte ihres Vaters Karl Ressel (Ernst Stankovski) konfrontiert. Auf einer gemeinsamen Wanderung am Semmering, bei der sie ihren Trennungsschmerz lindern will, erkennt ihr Vater den "Schädelknacker von Ebensee" wieder. Die Aufregung kostet ihn das Leben, und zugleich eine neue Aufgabe. Sie will den letzten Zeugen, den erfolgreichen New Yorker Komponisten Hermann Gebirtig (Peter Simonischek) zum Prozess nach Wien bringen. Erst ihr totaler Einsatz löst seine erstarrte Verweigerung. Der Kreis schließt sich: Gebirtig gibt die scheinbar sichere Distanz auf und stellt sich der Erinnerung.

Ein beachtlich vielschichtiger Film mit hervorragenden Darstellern.

Ö/D/Polen 2002. Regie: Lukas Stepanik, Robert Schindel. Drehbuch: Georg Stefan Troller, Robert Schindel, Lukas Stepanik. Mit Peter Simonischek, Ruth Rieser, August Zirner, Katja Weitzenböck, Daniel Olbrychski, Corinna Harfouch, Samuel Finzi, Annemarie Düringer, Otto Tausig, Ernst Stankovski u.a. 115 Min.

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