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Venezianische Commedia

Lasse Hallström hat sich an "Casanova" herangewagt - leicht, lebenslustig, doch nicht ohne Charakter. Und Heath Ledger diesmal als Hetero.

Venedig ist nicht nur die Stadt des bekanntesten Frauenhelden aller Zeiten, Giacomo Casanova. Venedig gehört gleichfalls zu den Wirkungsstätten des barocken Komödiendichters par excellence, Carlo Goldoni. Und Goldoni scheint auch Pate gestanden zu haben bei Lasse Hallströms jüngstem Film, der Venedigs verruchtesten Sohn einmal mehr zum Titelhelden macht: Heath Ledger, demnächst im Oscar-verdächtigen Western "Brokeback Mountain" als schwuler Cowboy zu sehen, gibt vorerst den Prototypen aller promisken Heteros - Casanova eben.

Man kann Hallströms Unterfangen durchaus mutig nennen - und das hat nicht nur mit der Tatsache zu tun, dass die Werke des Skandinaviers in Hollywood zuletzt alles andere als von der Kritik verhätschelt wurden (zuletzt etwa, auch wenn es der Rezensent nicht nachzuvollziehen vermochte, bei "Ein ungezähmtes Leben"). Denn Casanova durfte sich bekanntlich auch der regieführenden Hand eines Federico Fellini erfreuen - und den Vergleich mit ihm hätten einige Film-Kaliber wohl durchaus zu scheuen.

Doch Hallström vermeidet die Versuchung, in diese Vergleichskategorie zu kommen, indem er eben viel mehr auf Goldoni als auf Fellini macht - und er tut gut daran. Und auch in Kritiken normalerweise weniger beachteten Teilen der Crew wurde nicht gespart: So zeichnet die Oscar-Preisträgerin Jenny Beavon für die Kostüme verantwortlich - ein Glücksgriff.

Casanova ist in dieser opulenten und beileibe nicht nur kostümmäßig aus dem Vollen schöpfenden Inszenierung kein Kopulationskünstler mehr (ja, das mag er wohl in seiner Vergangenheit gewesen sein), sondern ein der Liebe Verfallener, der nicht zuletzt der Inquisition (im Film großartig dargestellt durch Jeremy Irons, der den von Rom ins verlotterte Venedig geschickten Bischof Pucci gibt) ein Schnippchen nach dem andern schlagen muss - und am Ende sich als durch die Lande tingelnder Schauspieler entpuppt.

Eine eher leichte Kost also, aber kulinarisches Kino, das gut eineinhalb gewinnbringende Stunden nicht bloß verspricht, sondern auch einhält. Heath Ledger ist also kein amouröser Heißsporn Casanova, sondern zeigt fast harlekinesken Charakter in seiner Suche nach der Gunst der Francesca Bruni, die ebenbürtig von Sienna Miller dargestellt wird.

Dieser Emanze des 18. Jahrhunderts zu gefallen, die überdies noch unter Pseudonym der Männergesellschaft Häresien um die Ohren schmeißt, ist ein wahrhaft dramatisches - und eben durch und durch komödiantisches Unterfangen (Goldoni schau herunter!).

Auch dem Spiel von Oliver Platt als feister "Schweinefett-König" von Genua ist viel abzugewinnen, ebenso Tim McInnerny in der kleinen, aber fein ziselierten Karikatur des Dogen.

Keine ganz tiefgründige Charakterstudie, aber doch ganz und gar nicht ohne Charakter, dazu dann auch eine filmische Liebeserklärung an Venedig - und an die Commedia noch dazu. Was will der von Problemkino und Sozialdramen mitunter geplagte Zuschauer da noch mehr?

CASANOVA

USA 2005. Regie: Lasse Hallström. Mit Heath Ledger, Sienna Miller, Jeremy Irons, Oliver Platt, Tim McInnerny. Verleih: Buena Vista. 108 Min.

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