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"Da spielte in mir die Angst mit"

Für den Darsteller-Oscar hat es letztlich (noch) nicht gereicht: Heath Ledger, 26, Hollywood-Shooting Star aus Australien (allein 2005 vier große Spielfilmrollen!), hat als schwuler Cowboy in "Brokeback Mountain" sein schauspielerisches Meisterstück hingelegt. - Ein Gespräch übers Filmemachen sowie das Leben davor und danach.

Die Furche: In "Brokeback Mountain" spielen Sie einen Cowboy, der seine Homosexualität entdeckt. Was hat Sie an dieser für Hollywood-Verhältnisse riskanten Rolle gereizt?

Heath Ledger: Das ist eine Liebesgeschichte, wie ich sie zuvor noch nie gelesen hatte. Denn all die anderen Lovestorys, die ich kenne, wiederholen sich und kopieren einander. Diese Geschichte bietet einen sehr erfrischenden Zugang zum Thema Liebe. Wir geben mit dem Film allerdings kein politisches Statement ab. "Brokeback Mountain" war die schwierigste Rolle, die ich bisher gespielt habe. Ich musste mich darin in Lebenslagen bringen, in denen ich noch nie war, und die mir völlig unbekannt sind. Ich musste mich komplett auf die Story konzentrieren, sonst hätte ich das nicht spielen können.

Für mich war es sehr schwierig, Jake Gyllenhaal in die Augen zu sehen und ihm zu sagen, dass ich ihn liebe. Das habe ich noch nie zu einem Mann gesagt! Da spielte in mir auch die Angst mit. Die Angst war aber auch der Grund, warum ich diese Rolle angenommen habe.

Die Furche: Ist das Amerika des George W. Bush bereit für eine homosexuelle Liebe zwischen zwei Cowboys?

Ledger: Ich weiß es nicht. Mir ist das auch ziemlich egal. Ich schätze, der mittlere Westen der USA (wo der Film spielt; Anm.) ist vielleicht noch nicht bereit dazu (lacht). Ich mache den Film aber grundsätzlich nicht, weil ich ein Publikum erfreuen - oder verstören will.

Die Furche: Wäre die Beziehung zwischen beiden Cowboys im Amerika der 60er auch anderswo als in der Isolation der Berge zustande gekommen?

Ledger: Ich denke, dass die Isolation, in der sich die beiden befinden, dazu maßgeblich beigetragen hat. Denn meine Figur fühlte sich frei, auch was ihre Veranlagung betrifft. Ohne die Zeit am Brokeback Mountain hätte sie diese Seite an sich vielleicht nie entdeckt.

Die Furche: Sie waren innerhalb kurzer Zeit mit mehreren Filmen im Kino: Als "Casanova", in "Brokeback Mountain" oder in "Brothers Grimm". War es Glück oder Timing, dass Sie etliche erstklassige Rollen bekamen?

Ledger: Ich habe es mit meinen letzten Filmen immer gut getroffen, aber ich habe auch keine Angst davor, einmal eine schlechte Wahl zu treffen. Künstlerisch gesehen muss man auch vorbereitet sein, einmal schlecht zu spielen. Es ist mir zu leicht, nur die sicheren Rollen auszuwählen, die kein Risiko bergen. Dabei würde ich mich sehr schnell langweilen. Wenn ich ein Drehbuch lese, weiß ich sofort, ob mir diese Rolle zusagt. Das ist ein Gefühl im Bauch. Ich suche nicht nach speziellen Dingen bei Filmprojekten, außer, dass sich jedes Projekt vom Film davor unterscheiden sollte. Themen, die ich zuvor noch nie gemacht habe.

Die Furche: In Ihrem jüngsten Film "Candy" spielen Sie einen Heroinsüchtigen. Wie war das nach so anstrengenden Filmen wie "Brokeback Mountain" und "Casanova"?

Ledger: Die Rolle des Heroinsüchtigen erfordert sowieso einen gewissen Grad an Erschöpfung. Ich musste mich also nicht verstellen und konnte tatsächlich erschöpft sein. Ich habe "Brokeback Mountain" vor "Casanova", gedreht - das hat mir gut getan, weil "Brokeback" nicht sehr angenehm zu spielen war. "Casanova" hingegen hat Leichtigkeit und Humor verlangt - ein gutes Kontrastprogramm. Doch nach sechs Drehmonaten in Venedig, täglich versüßt mit Pasta und Wein, habe ich mich wieder nach einer ernsten Rolle gesehnt. Da kam "Candy" gerade recht.

Die Furche: Wann ist ein Film für Sie ein Erfolg?

Ledger: Ich messe Erfolg nicht am Einspielergebnis. Für mich zählt das persönliche Gefühl, das ich mit einem Film habe. Es stimmt, zur Zeit machen meine Filme auch gutes Geld. Viele Filme kommen nur mit der Absicht ins Kino, möglichst viel Geld einzuspielen. Dabei handelt es sich meistens um Mist. Ich wähle meine Rollen so aus, dass ich mir eine gewisse Würde bewahre.

Die Furche: Sie scheinen nicht zu jenen Schauspielern zu gehören, die sich besonders viel aus Ruhm, Geld und Auszeichnungen machen. Wie werden Sie da mit dem gegenwärtigen Hype um Ihre Person fertig?

Ledger: Eigentlich strengt mich das gar nicht so sehr an, denn ich bin kürzlich Vater einer Tochter geworden und habe eine Familie, die mir sehr viel Ablenkung von diesem Hype bringt. Daheim habe ich keine Zeit, über den Druck der Filmbranche nachzudenken, da zählt nur Tochter Matilda. Mir bedeutet der Starrummel nichts. Für mich kam in Hinblick auf die Prioritäten in meinem Leben das Baby gerade zur rechten Zeit.

Die Furche: Ihren Lebensmittelpunkt haben Sie von Los Angeles nach Brooklyn verlegt ...

Ledger: Ich habe neun Jahre in Los Angeles gelebt, wie das viele junge Schauspieler tun. Aber ich würde mein Kind dort niemals aufziehen. Ich lebe ein sehr einfaches Leben. Mein Alltag besteht auch darin, jeden Tag die Wäsche in Säcke zu packen und sie in die Wäscherei zu bringen, das Haus sauber zu halten und mich um die Einkäufe zu kümmern. Ich brauche diese Phasen, in denen ich keine Filme drehe, denn am Set bin ich ständig mit der Figur, die ich spiele, beschäftigt - und ein Dreh dauert ja oft Monate. Für mich ist eine Arbeitspause auch eine Form, mit dem Leben umzugehen.

Die Furche: Denken Sie ans Publikum, wenn Sie einen Film drehen?

Ledger: Nein. Überhaupt nicht. Niemals. Denn das kann nur die Intensität deiner Performance verwässern. Viele Schauspieler haben das Publikum im Kopf, während sie spielen, und denken daran, wie ihr Spiel aufgenommen wird. Ich denke, das ist der falsche Weg. Denn wenn man eine gute Performance abliefern will, muss man das Publikum in diesem Moment vergessen. Aber ich drehe gerne Filme, die viele Menschen verstören oder provozieren. Ich bin schließlich nicht Schauspieler geworden, um alle Menschen zu erfreuen.

Das Gespräch führte Matthias Greuling.

Der Ruhm ist ein mehr als ungerecht Ding: Da eilt "Brokeback Mountain" von Erfolg zu Erfolg, sammelt den Goldenen Löwen in Venedig, Golden Globes und sonst noch jede Menge Filmpreise ein und wird dann - etwa vom tv-Sender ProSieben - mit "floppt" verspottet, weil der Streifen mit acht Oscar-Nominierungen "nur" drei der begehrten Trophäen heimbringt - darunter immerhin den Regie-Oscar für Ang Lee. Dabei kann kein Zweifel sein, dass die beiden Hauptdarsteller Heath Ledger (s. Interview rechts) und Jake Gyllenhaal in der Rolle ihres (jungen) Lebens agieren, dass die Kamera von Rodrigo Pietro in ihrer Spannung zwischen großen Landschaften und der Herbheit verschwiegener Gefühle grandios changiert, dass die Filmmusik von Gustavo Santaolalla (ebenso wie das Drehbuch mit dem Oscar bedacht) den Film kongenial zum Ganzen führt.

Auch wenn sich John Wayne im Grab umdreht: Hollywoods Ur-Genre Western wartete eigentlich schon längst darauf, auch mit dem Thema Homosexualität konfrontiert zu werden. Denn das Männerkino, als das der Wilde Westen für die Leinwand inszeniert wurde, hatte wohl von jeher auch eine homoerotische Komponente, die in der bigotten US-Filmmoral kaum offen zu thematisieren war. Es blieb also dem Taiwan-Amerikaner Lee vorbehalten, dieses "Tabu" zu brechen - und das keineswegs radikal, sondern auf eine ganz und gar unaufgeregte Art und Weise. Gewalttätig ist nicht die Filmsprache von "Brokeback Mountain", sondern die Gesellschaft; gewalttätig ist allenthalben der Filmtitel, der ein gebrochenes Rückgrat der beiden Protagonisten anklingen lässt: Rau ist die Welt in den Rocky Mountains anno 1963, in der sich der verkrachte Rancher Ennis Del Mar (Heath Ledger) und der Rodeo-Reiter Jack Twist (Jake Gyllenhaal) als Schafhirten verdingen. Wochenlang fällt kaum ein Wort in der Einsamkeit der Bergwelt, in der die beiden ihre Herde zusammenhalten und vor Raubtieren schützen sollen. Doch auch im Unausgesprochenen wachsen Gefühle (und Triebe), und fernab der Gesellschaft knospt eine Liebe, die in der rigiden Zivilisation mit Verbot und Totschlag bedroht ist. Einen Sommer lang, nicht länger.

Ennis bleibt in Wyoming, Jack verschlägt es nach Texas, beide heiraten, zeugen Kinder - ohne je wieder Erfüllung zu verspüren. Die erhalten sie, wenn auch rudimentär, als sie sich nach Jahren wiedersehen und getarnt gemeinsam zum "Fischen" in die Berge fahren. Doch die Liebe neben beider Leben zerstört ebendiese: ein Drama, dessen Tiefpunkt sich anbahnt.

Ang Lee nimmt sich der Geschichte an, indem er der Langsamkeit wie der Wortlosigkeit weiten Raum lässt: In der überwältigend gefilmten Unerbittlichkeit der Berge keimt ein Gefühl gegen alle Aussicht, und dieses Verbotene zerbricht an der Unerbittlichkeit des American Way of Life. Eine exemplarische Filmkomposition, zur Zeit kaum zu überbieten. Otto Friedrich

BROKEBACK MOUNTAIN

USA 2005. Regie: Ang Lee. Mit Heath Ledger, Jake Gyllenhaal, Michelle Williams, Anne Hathaway. Verleih: Tobisfilm. 134 Min.

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