BlackBox - © Foto: Nikolaus Ostermann

"Black Box": Das Volkstheater macht sich selbst zum Protagonisten

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Auf dem Audiowalk „Black Box“ kann man Einblicke in die Abläufe in einem Theater gewinnen

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Auf dem Audiowalk „Black Box“ kann man Einblicke in die Abläufe in einem Theater gewinnen

Im „Phantomtheater für eine Person“ werden die Zuschauer – allein und mit Kopfhörern und Handschuhen ausgestattet – in die Illusion der vielen Theaterberufe versetzt. Der Titel „Black Box“ markiert die Wege in das Innere eines Betriebs, der darauf eingerichtet ist, Illusionen zu schaffen, ohne je den dafür nötigen Aufwand sichtbar zu machen.

Alle fünf Minuten startet ein Besucher seinen Weg durch das frischsanierte Volkstheater, geführt von der Stimme aus dem Kopfhörer. Die Reise beginnt im winzigen Kassahäuschen im Foyer. Das Kämmerchen ist längst anders genutzt, aber am Sessel hinter der Glastür assoziiert man unweigerlich die ersten Jahre des Volkstheaters, als das Architektenduo Fellner & Helmer im Jahr 1889 das Haus am Arthur-Schnitzler-Platz als bürgerliche Gegen-Bühne zum Burgtheater fertiggestellt hatte. Die Geräuschkulisse imaginiert ein sich mit Besuchern füllendes Foyer, und man meint, das Publikum und die angespannte Vorfreude wahrnehmen zu können.

Man partizipiert an einer Besprechung des Leitungsteams im Sitzungszimmer, hört den Kollegen der Requisite und der Schneiderei in deren Räumlichkeiten zu, erfährt, warum gerade dieses Licht oder jene Besonderheit eines Kostüms gewählt wird. Man erlebt die technischen Raffinessen in der Unterbühne oder den einsamen Ort Souffleurkasten, tritt als Schauspieler auf die Bühne und landet im Zuschauerraum. Die Reise zeigt, wie Illusion erzeugt wird, sie zeigt aber auch, welche gesellschaftliche Bedeutung das Theater als Institution hat. Aus der Bürgermeisterloge überblickt man das Publikum, man sieht, wer worüber lacht oder weint, wer sich langweilt oder mitfiebert.

Der besondere Reiz von „Black Box“ liegt in der gleichzeitigen Etablierung und Dekonstruktion von Illusion. Stefan Kaegi von Rimini Protokoll gelingt mit „Black Box“ wieder einmal ein originelles theatrales Format. Pandemiekrisenbedingt konzentriert man die Grundpfeiler eines Theaterabends in die Aufführung selbst und verweist damit auf Bedeutung und Notwendigkeit dieser Kunstform.

Die Autorin ist freie Theaterkritikerin.

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