Bonobo - © Foto: iStock/guenterguni

Der sanfte Mut der Bonobos

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Wenn Primaten ihr Gesellschaftssystem in Richtung Sanftmut ändern können, dann müsste das doch auch für den Menschen möglich sein.

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Wenn Primaten ihr Gesellschaftssystem in Richtung Sanftmut ändern können, dann müsste das doch auch für den Menschen möglich sein.

Wie oft wird nicht die Frage gestellt, ob eine andere Gesellschaft möglich wäre, besser, verantwortungsvoller, weniger zerstörerisch? Die Antworten sind meist von Skepsis durchtränkt und oft wird das Gleichnis vom Frosch, der den Skorpion über den Fluss bringen soll, erwähnt. Denn der Frosch hat Angst und fragt den Skorpion, wirst du mich nicht stechen, wenn du einmal auf meinem Rücken bist. Der Skorpion sagt, ich bin doch nicht lebensmüde, denn wenn ich dich steche, ertrinke ich doch. Der Frosch nimmt also den Skorpion auf und in der Mitte des Flusses sticht ihn sein Passagier. Im Untergehen fragt der Frosch, warum hast du das getan? Und der Skorpion sagt, ich konnte mir nicht helfen, es ist halt meine Natur.

Sollte der Skorpion im Gleichnis den Menschen und der Frosch die Natur verkörpern - es wäre düster um uns bestellt. Es gibt aber ein tatsächlich existierendes Gegenbeispiel aus dem Reich der Affen: Vor 1,9 Millionen Jahren entstand in Zentralafrika der Kongofluss und schnitt einen Teil der dort lebenden Schimpansenpopulation von ihren Artgenossen ab. Es entwickelte sich über die Jahrhunderttausende eine neue Schimpansenart mit neuer Gesellschaftsform: die Bonobos. Sie leben in weiblich dominierten Gruppen und lösen ihre Probleme durch den Austausch von Essens-Gaben und Sex. Ihre Umgangsform ist nicht Konkurrenz sondern Zuwendung, Kooperation statt Unterordnung.

Bestechende Alternative

Ihre ursprünglicheren Verwandten hingegen leben in patriarchalen Gruppen mit einem Leitmännchen, das Zeit seines Lebens Rivalen fürchten und bekämpfen muss (siehe Story links). Es geht um Macht und in diesem Sinn ums Überleben durch Kampf. Generell greifen diese „normalen“ Schimpansen zu allen ihnen möglichen Formen der Gewalt, bis hin zu Mord und Totschlag. Der Vergleich zwischen Bonobos und Schimpansen läuft auf eines hinaus: Wenn Primaten ihr Gesellschaftssystem ändern können, dann müsste das doch auch für den Menschen möglich sein.
Das Vorurteil, wir seien dem eigenen Zerstörungstrieb willenlos ausgeliefert wäre dann nur ein böses Märchen, verbreitet von jenen, die gegen Änderungen der Machtfrage besonders allergisch sind - oder die Hoffnung verloren haben.

Indem wir uns in ein System der aggressiven Konkurrenz einschulen lassen und uns für unsere Erfolge im Ausstechen anderer belohnen, werden wir blind für Alternativen. Doch anders herum betrachtet: Wenn man Menschen vor die Wahl stellen würde, wie sie eigentlich gerne leben wollten -
wie die Bonobos oder die Normalschimpansen - das Votum würde wohl eindeutig ausfallen.

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