Chamäleon - Chamäleon - © Foto: iStock / SensorSpot
Animal Spirits

Von Koalitionen und Erdlöwen

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Diese neue Kolumne heißt „Animal Spirits“, weil der Autor findet, wir Menschen können uns noch einiges von den anderen Lebewesen abschauen – auch im Sinn von „Spirit“ – Geist und Idee. Den Anfang macht ein Wirbeltier, das viel mit den aktuellen Gesprächen zwischen Winterpalais und Ballhausplatz gemein hat, obwohl es hauptsächlich in Afrika lebt. Das Chamäleon. Es neigt nämlich von Natur aus zum Koalitionsverhandler – und zwar was individuelles Verhalten, Farblehre und Verhandlungs-Taktik betrifft.

Es schreitet diese Taktik sogar vor, wenn es Äste und Zweige in einem langsam vor- und zurückwippenden Gang entlang wankt. Dabei gibt es keinen unbedachten Schritt. Es imitiert vielmehr Blätter im Wind und kommt so mit plumper Geduld sicher ans Ziel. So ist das auch in Koalitionsverhandlungen. Die Haltungsnoten zählen nicht, nur die Ausdauer. Margaret Thatcher hätte das Chamäleon geliebt: „Ich bin außerordentlich geduldig, vorausgesetzt, ich kriege am Ende, was ich wollte.“

Diese neue Kolumne heißt „Animal Spirits“, weil der Autor findet, wir Menschen können uns noch einiges von den anderen Lebewesen abschauen – auch im Sinn von „Spirit“ – Geist und Idee. Den Anfang macht ein Wirbeltier, das viel mit den aktuellen Gesprächen zwischen Winterpalais und Ballhausplatz gemein hat, obwohl es hauptsächlich in Afrika lebt. Das Chamäleon. Es neigt nämlich von Natur aus zum Koalitionsverhandler – und zwar was individuelles Verhalten, Farblehre und Verhandlungs-Taktik betrifft.

Es schreitet diese Taktik sogar vor, wenn es Äste und Zweige in einem langsam vor- und zurückwippenden Gang entlang wankt. Dabei gibt es keinen unbedachten Schritt. Es imitiert vielmehr Blätter im Wind und kommt so mit plumper Geduld sicher ans Ziel. So ist das auch in Koalitionsverhandlungen. Die Haltungsnoten zählen nicht, nur die Ausdauer. Margaret Thatcher hätte das Chamäleon geliebt: „Ich bin außerordentlich geduldig, vorausgesetzt, ich kriege am Ende, was ich wollte.“

Je mehr das Alte am Neuen klebt, desto schwieriger wird es werden.

Ebenso wichtig: Wie beeindruckt man seine Gegner? Erdlöwen, wie die Chamäleons übersetzt heißen, können sich etwa bis zur Unkenntlichkeit aufblähen. Manche reißen auch einfach nur das Maul auf. Man könnte auch sagen: sondieren wie ein Chamäleon.
Nun kann das Tier, da taktisch sehr versiert, gerne auch mit Schwäche spielen und gewinnen. Es gibt dann quasi den Juniorpartner.

Wenn es also Erdlöwen mit einem überlegenen Gegner zu tun haben, verfallen sie in eine Starre und simulieren den Tod. Und wieder lässt sich daraus der Rat ableiten, als kleiner Verhandler hin und wieder aufzustehen und zu rufen, „ich kann da jetzt wirklich nicht mehr mit“. Das erzeugt im Normalfall Entgegenkommen – und wenn nicht, dann kann man ja beruhigt aufstehen und gehen.

Und damit zum Kernstück aller Verhandlungen: dem Kompromiss. Er ist so unbeliebt, wie Rauchen bei Nichtrauchern oder Krankenkassenzusammenlegungen bei Krankenkassen. In diesem Sinn hat das Chamäleon den nicht besonders sympathischen Ruf, seine Farbe je nach Umgebung zu wechseln. Nichts könnte ihm unrechter tun. Denn es ändert zwar seine Pigmentierung, aber es tut das am häufigsten, wenn es andere Chamäleons auf Partnersuche beeindrucken will. Es macht sich also schöner. Und das vergegenwärtige man sich im Politischen: Dass da jemand einen Tropfen Grün, Rot oder Rosa in sein Türkis mischt, um schöner zu werden!

So weit sind wir noch nicht. Wollte man eine solche neue Politik, bräuchte es eine neue Kultur. Beinahe eine Häutung, wie es bei Schlangen und Chamäleons üblich ist. Da gilt die Regel: Je schneller die Häutung funktioniert, desto gesünder ist das Chamäleon. Oder anders und Kurz um: Je mehr das Alte am Neuen klebt, desto schwieriger wird es werden.