
Ein Fisch macht Geschichte(n)
Der Luchterhand-Verlag hat eine gigantische Werbekampagne gestartet. Schon Vor Monaten wurden Ankündigungen veröffentlicht, Vorabdrucke steigerten die Neugier. Wen also wundert dieser Erfolg noch? Günter Grass selbst zottelt eifrig durch die deutschen Provinzen, signiert, lächelt für die Photographen, liest und redet, wie einst für Willy Brandt. Diesmal ist es eine Reise in eigener Sache.
„Der Butt“ ist ein vielschichtiges Buch, sagte der Autor lapidar in,einem Fernsehinterview. Vielleicht sogar etwas zu vielschichtig, ein wahres Schichtenagglomerat, könnte man auch sagen. Auf 700 Seiten wird die Entwicklungsgeschichte der Menschheit von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart eingefangen. Ein gewagtes Unternehmen, würdig des Großmeisters deutscher Epik. Dem ganzen Konstrukt liegt eine einfache Fabel zugrunde. Das niederdęutsche Märchen „Von dem Fischer un syne Fru“. Das Märchen von einem Fischer, der einen Butt fangt, ihm aber wieder die Freiheit schenkt. Als Gegenleistung darf er einige Wünsche äußern. Dies besorgt die Frau des Fischers, und sie wird immer maßloser in ihren Wün schen, will Königin, Kaiserin und schließlich wie Gott selbst sein. Doch mit dem letzten Wunsch ist das Maß voll. Der Butt wird zornig und die beiden Fischer müssen wieder arm wie vorher in der schäbigen Hütte wohnen. Soweit die Fabel. Grass hat sie umgedreht. Der Mann darf wünschen. Der Butt wird zum Berater des Mannes, der geknechtet in einer matriarchalischen Gesellschaft lebt, ohne Rechte, unterdrückt von machtgierigen Frauen. Mit Hilfe des Butt wird nun die Frauenherrschaft gestürzt, der politische, kulturelle und gesellschaftliche Aufstieg des Mannes beginnt. Das alles passiert in der Jungsteinzeit. Das Matriarchat wird vom Patriarchat abgelöst, die Männer schreiben von nun an Geschichte, führen Kriege, gewinnen Schlachten, schlagen ihre Frauen, schaffen eine neue Kultur. Der Frau bleibt nur ein einziges Gebiet. Die Kochkunst, letzte weibliche Oase in der Männerkultur.
Das ist schon die zweite Schicht im Grass’schen Roman. Die Geschichte der Ernährung als einziger kultureller und politischer Beitrag der Frau zur Menschheitsgeschichte. Vertreterin der Frauen ist Ilsebill, die Frau des Fi-
schers, die sich geradezu überbietet im Erfinden von neuen Gaumengenüssen. Hier gibt Grass auch die besten Beispiele seiner stilistischen Meisterschaft. Hier läßt er seine Phantasie spielen, weit ausholend, mit barocker Sprachgewalt, wie wir es aus der „Blechtrommel“ kennen; mit immer neuen Arabesken und Metaphern erfindet er scheinbar mühelos die phantastischesten Gechichten. Das Stilgenie Günter Grass kann sich so richtig austoben.
Doch Grass schreibt das nicht ohne ganz präzise Absicht. Seiner Meinung nach hatte die Frau gar nicht so wenig Macht, wie es heute die Feministinnen immer behaupten, sondern gerade durch ihre Herrschaft in Haus und Hof besaß sie eine nicht zu unterschätzende Position.
Der Mann, immer treu beraten durch den Butt, baut inzwischen seine äußerliche Machtfülle weiter aus, sonnt sich auf eien geschenkten Lorbeeren des Patriarchalismus, wird aber dabei immer korrupter - und dümmer. Er mißbraucht seine Macht und strapaziert die Geduld des Butt. Die Männer schlagen zwar immer noch Schlachten und gewinnen Kriege, ihre moralische Kraft aber ist verbraucht. Die Frauen blasen zum Angriff, wollen das verrottete, korrupte System stürzen. Drei „paddelnde Feministinnen“ fangen den Butt in der Lübecker Bucht, doch sie lachen ihn aus, als er sich den Frauen als Berater anbietet. Sie ziehen ihn ans Trockene und veranstalten ein „Tribunal der Abrechnung“. Im Schnellsiedeverfah- ren gewissermaßen wird noch einmal mit der Männerherrschaft abgerechnet, der Butt wird verurteilt, der Butt hat seine Schuldigkeit getan, der Butt kann gehen. Das tragische Ende einer Fabel. Männer, was nun? Auch der große Grass ist mit seiner Weisheit am Ende, sein Material ist „verschrieben“. Soweit das Gerüst und die wichtigsten Schichten dieses Buches.
Der Roman ist nach einem komplizierten Schema aufgebaut. Neun Kapitel, die Zahl der Monate einer Schwangerschaft, jedes Kapitel symbolisiert gleichzeitig eine andere Epoche. Dabei hält sich Grass gar nicht an die Chronologie, die Einheit von Zeit und Raum ist aufgehoben, er jongliert mit Leichtigkeit mit den Jahrhunderten, mit historischen Tatsachen, erfindet Geschichten, die so wahr klingen, als seien sie tatsächlich passiert. Grass spielt seine ganze epische Bandbreite aus, wechselt vom überladenen barocken Stil zu knapper, sachlicher, fast stichwortartiger Darstellung. Jedes Kapitel wird durch ein Gedicht eingeleitet - ein totaler Roman?
Es ist aber nicht alles Gold im Butt, was stilistisch glänzt. Manchmal sackt Grass ab in den Kitsch und in krampfhafte Lustigkeit, wie etwa bei der Schilderung des Feministinnentribu- nals. Da wird der Roman seicht, schleppt sich mühsam dahin, artet die Lektüre zur Schwerarbeit aus, stehen Pseudoreflexionen neben übertriebenen, aufgesetzten Pointen.
Da möchte sich Grass über die wildgewordenen, tierisch ernsten Feministinnen lustig machen, doch seine satirisch gemeinten Hiebe gehen ins Leere, verpuffen, treffen letztlich den Autor selbst. Vielleicht ist das Buch zu lang, der Atem von Günter Grass zu kurz. Vielleicht hat sich der Autor zu viel vorgenommen, hat zuviel Problematik und Material in eine Form gesteckt, die er nicht bewältigen konnte. Jedenfalls überzeugt das Buch nicht restlos, wirkt manchmal nicht durchgestaltet, dann wieder mühsam konstruiert und auf eine gedankliche Linie gezwungen, die brüchig ist. Stark ist Grass dort, wo er ungehindert fabulieren kann, wo die Sprache nicht unter dem Zwang eines ideellen Konstruktes steht.
Vor allem die Haltung Grass’ scheint mir seltsam zweischneidig, einerseits als Bekämpfer des Patriarchats, anderseits als vehementer Verteidiger der Männergesellschaft Vor blindwütigen Feministinnen. Einer, der sich anbiedert, um dann aus dem Hinterhalt zu schießen. Er erscheint wie einer, der hinter der glatten Fassade Aggressionen aufgestaut hat, aus Gram über den Verlust der uneingeschränkten Macht.
Gewiß, große Epik wird heute nur mehr selten geschrieben. Daß Grass ein Schriftsteller von Weltrang ist, hat er schon bewiesen. Manche Passagen sind wirklich unüberbietbar in ihrer Dichte und spontanen Komik. Was nicht überzeugt, ist die Grundkonzeption, Geschichte in einem Zug aufzuwaschen - der Großmeister der Epik als Großreinemacher gewissermaßen.
„Der Butt“ ist also ein guter Roman, gewiß. Ob er allerdings die Fortsetzung und Erneuerung der großen deutschen epischen Tradition ist, wie manche behaupten, möchte ich bezweifeln. Dazu weist das Buch zu viele Längen und Schwächen auf.












