Germ geschehen

1945 1960 1980 2000 2020

Daniela Strigl trauert um die allgemeine Bildung: Wie eine Göttin zum Pilz wurde.

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Daniela Strigl trauert um die allgemeine Bildung: Wie eine Göttin zum Pilz wurde.

Jüngst war im ORF die „La Traviata“- Inszenierung von Simon Stone aus der Staatsoper zu sehen. Sie wissen schon: Violetta Valéry als Influencerin, die mit ihrem Lover und einem Traktor den digitalen Entzug auf dem Lande probiert. Der Text, den die beiden zu singen haben, stammt aber trotzdem von 1853. In der Fernsehübertragung erscheint Francesco Maria Piaves Libretto in deutschen Untertiteln, offenbar in einer aktuellen Übersetzung. Alfredo hat die diffizile Aufgabe, während seiner Arie im ersten Akt eine übermannshohe Champagnerglas-Pyramide zu füllen, der Flascheninhalt reicht aber nur für ein kümmerliches Dutzend. Auch deshalb verfolge ich die Untertitel unaufmerksam, bis es mich vollends aus der musikalischen Andacht reißt. Was steht da? Lass mich deine Hefe sein, sagt Violetta zu Alfredo, der ihr sein Glas reicht. Und er wünscht ihr, sie möge ebenso langlebig sein.

Weil Hefe mit Haltbarkeit zu tun hat? Hier wird aber doch Champagner ausgeschenkt, und kein Bier, auf den Werbeclips läuft auch keine Bierreklame, abgesehen davon klingt das Ganze doch reichlich unpoetisch. Ich gehe der Sache nach und finde „Sarò lʼEbe che versa“ im Textbuch, in der alten Übersetzung: Darf ich Hebe Euch sein? Was sagt uns das, dass die offizielle, gewiss sorgfältig lektorierte Untertitelung der Wiener Staatsoper aus Hebe, der unsterblichen Göttin der Jugend, die den Olympiern den Nektar kredenzt, einen Schlauchpilz macht? Nichts anderes, als dass jeder Begriff von Allgemeinbildung selbst in den Tempeln der Hochkultur ausgedient hat. Bildung in ihrer Minimalvariante ist die Ahnung der eigenen Ignoranz. Nicht, dass man hier nicht weiß, wer diese Hebe sein mag, ist haarsträubend, sondern dass sie als Tippfehler ausgemerzt und in ein mikroorganisches Triebmittel verwandelt wird, ohne dass irgendwer auch nur Google konsultiert hätte.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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