Federspiel

Hohlkörpersprache

1945 1960 1980 2000 2020

Daniela Strigl über christliche Festkultur, Säkularisierung und warum ein bisschen Tradition zumutbar ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Daniela Strigl über christliche Festkultur, Säkularisierung und warum ein bisschen Tradition zumutbar ist.

Die Weihnachtsfeier des Germanistischen Instituts findet heuer nicht statt bzw. nur als digitale Goodwill-Aktion, aber sie hat einen neuen Namen: „Jahresabschlussfeier“. Mir fällt da sogleich der Weihnachtsengel ein, der in der DDR zur „Jahresendflügelfigur“ wurde, und der „Schokoladenhohlkörper“ des neutralisierten Weihnachtsmannes. Im NS-Sprachgebrauch war zwar nicht das Wort Weihnachten verpönt, dessen christlich-jüdischer Gehalt wurde aber zum germanischen „Julfest“ der Wintersonnwende aufgenordet.

Wenn Germanistinnen und Germanisten eine altehrwürdige Institution, hm, ja: umtaufen, dann denken sie sich etwas dabei. Aber was? Wenige Wochen nach einem blutigen Attentat im Namen des Islam (und nach der Randale jugendlicher Fanatiker in einer Wiener Kirche) erscheint es immerhin als seltsames Signal. Wahrscheinlich lässt sich die germanistische Hohlkörper-Nomenklatur aber eher als zartfühlend vorauseilender Versuch deuten, weder bei atheistisch Eingestellten noch bei konfessionell Andersdenkenden Anstoß zu erregen.

Wie jede propagierte Unterordnung des Mehrheitswillens unter den einer imaginierten Minderheitsbefindlichkeit kommt das Ansinnen aus den USA: „Seasonal Greetings“ statt „Merry Christmas“. Nun werden aber geschätzte 99 Prozent der hierzulande veranstalteten betrieblichen Weihnachtsfeiern ohnehin nicht als religiöse Festlichkeiten zelebriert, ich würde sogar sagen: ganz im Gegenteil. Die Weihnachtsfeierpraxis ist gelebte Säkularisierung, und doch gehören Weihnachten und Ostern zur Festkultur eines nach wie vor christlich geprägten Landes. Lebte ich in der Türkei, fiele mir nicht ein zu verlangen, man müsse statt vom Ramadan von „Fastenzeit“ sprechen, in Israel würde ich nicht erwarten, dass Chanukka in „Feiertage“ umbenannt wird. Ein bisschen Tradition ist zumutbar, ohne dass der Jahresabschlussfriede darunter leidet.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.