Omama

1945 1960 1980 2000 2020

Anus vs. Aubergine: Überlegungen zu semantischen Gewohnheiten unterschiedlicher Kulturkreise.

1945 1960 1980 2000 2020

Anus vs. Aubergine: Überlegungen zu semantischen Gewohnheiten unterschiedlicher Kulturkreise.

Wenn du berühmt werden willst, pflege das Arschloch, das du bist, und nicht das Arschloch, das du hast!, sagte einst die Omama. Ich habe sie beim Wort genommen. Denn, was sie damit sagte, war frei von Häme.

Erst als ich die Kulturkreise wechselte, bemerkte ich die Bedeutung ihres Satzes. In Japan findet niemand etwas Abwertendes daran, wenn man eine Persönlichkeit mit dem Anus vergleicht. Freilich, auch dort gibt es Arschlöcher. Dort greift der Abwerter anderer auf Gemüse zurück, um jemand des Abschaumes zu bezichtigen. „Du Arschloch“ wird zum Beispiel mit „Du Aubergine“ besetzt. Gemüse ist bewusstseinslos, weswegen Salatköpfe geköpft werden können ohne Protest von Veganern. Als Salat oder Aubergine bezeichnet zu werden ist die schlimmste Beleidigung, die man sich vorstellen kann.

Am schönsten hat diesen Sachverhalt einmal Yōko Tawada dargebracht. Ihr gebührt seit ihrem Debüt in den 1980er Jahren die Aufmerksamkeit der ganzen Welt. Ihre Poesie verwendet keine Ansammlung von Eigenschaftswörtern, sondern bringt Denkgewohnheiten durcheinander, die, ohne antisemitierend zu sein, also ohne Arschlochigkeit, Platz für Neues schaffen. Öffnung semantischer Gewohnheit.

Was im deutschsprachigen Raum zu beachten ist, ist der Narzissmus, der den eigenen Körper in eine Hackordnung presst und ihn naturgemäß in seine Teile bis zum Geringsten zerstückelt. Im Spiegel der ­Gesellschaft macht das umrandete Nichts des Anus Sinn. Gut ist, wer sich davon nicht irritieren lässt und ausscheidet, was der Organismus nicht mehr braucht, ohne sich als Purifizierer zu bewerten.

Hier kommt wieder die Omama ins Spiel, Kunstfigur des Stoffwechsels. Kind, seufz­te sie im Himmel, ich war und hatte doch auch nur ein Arschloch.
Du gabst mir ein Erfolgsrezept.
Und du hast aus mir, einem Stück Scheiße, Literatur gemacht.
Es geht mir mehr ums Scheißen, Omama, wie Joyce im „Ulysses“.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

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