Federspiel

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1945 1960 1980 2000 2020

Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig über Abschiebungen und Gleichgültigkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Schriftstellerin Lydia Mischkulnig über Abschiebungen und Gleichgültigkeit.

Auf der Rückreise sitze ich im Speisewagen wieder unter den Fremden. Überlege, wie sich Henker fühlten, die Ermordungen durchführen, die der Staat beschließt. In einem Staat der Todesstrafe möchte ich nicht leben. Tu ich auch nicht. Bei uns wird nur abgeschoben. Ja, bei uns, bei allen, die der österreichischen Verfassung unterworfen sind. Bei uns werden Gesetze ausgehandelt, und ein langer Prozess des politischen Diskurses findet vorher statt, dann wird der Text formuliert und dann wird inhaltsgemäß exekutiert. Die Erkenntnisse geschehen immer mit einem Kleinstanteil Freiheit der Auslegung. Was soll geschehen, wenn ein Fremder daherkommt und seinen Platz hier beansprucht, obwohl er die Zeche nicht bezahlen kann? Würde ich ihn einladen? Es geht ja nur um ein paar Würstel. Wie geht es den Abschiebepolizisten? Sie sind extremen Emotionen ausgesetzt. Wie steht man das durch? Hat man selbst die Emotion ausgeschaltet? Ich kann mir nur die Gleichgültigkeit vorstellen. Und die schwierige Position eines an diesen Rechtsstaat Glaubenden, die Interessen des Staates in letzter Konsequenz durchzusetzen. Es ist ein grauenhaftes Dilemma, gegen die persönliche Meinung Entscheidungen durch zusetzen, die jemand anderer getroffen hat. Da bekomme ich Würstel mit Senf serviert. Wünscht man viel Glück zum Abschied? Mir wird schummrig. Was ist, wenn nun alle kommen? Es kommen nicht alle. Und was ist, wenn mit Fluchtgründen noch mehr Kapital aus dem Weltelend geschlagen wird? Ich flüchte vor Corona in die Fremde. Sitze im Speisewagen auf Augenhöhe mit den anderen. Wir fliehen nicht, wir sind eher Ausbrecher. Haben die Bahnreisen im Speisewagen entdeckt, um ins Restaurant gehen zu können. Und diese Augenhöhe rollt über den Semmering. Wie fremd, nach so langer Zeit. Auf der Rückreise nach Wien treffen wir uns wieder. Essen und Trinken in Gleichgültigkeit.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

Auf der Rückreise sitze ich im Speisewagen wieder unter den Fremden. Überlege, wie sich Henker fühlten, die Ermordungen durchführen, die der Staat beschließt. In einem Staat der Todesstrafe möchte ich nicht leben. Tu ich auch nicht. Bei uns wird nur abgeschoben. Ja, bei uns, bei allen, die der österreichischen Verfassung unterworfen sind. Bei uns werden Gesetze ausgehandelt, und ein langer Prozess des politischen Diskurses findet vorher statt, dann wird der Text formuliert und dann wird inhaltsgemäß exekutiert. Die Erkenntnisse geschehen immer mit einem Kleinstanteil Freiheit der Auslegung. Was soll geschehen, wenn ein Fremder daherkommt und seinen Platz hier beansprucht, obwohl er die Zeche nicht bezahlen kann? Würde ich ihn einladen? Es geht ja nur um ein paar Würstel. Wie geht es den Abschiebepolizisten? Sie sind extremen Emotionen ausgesetzt. Wie steht man das durch? Hat man selbst die Emotion ausgeschaltet? Ich kann mir nur die Gleichgültigkeit vorstellen. Und die schwierige Position eines an diesen Rechtsstaat Glaubenden, die Interessen des Staates in letzter Konsequenz durchzusetzen. Es ist ein grauenhaftes Dilemma, gegen die persönliche Meinung Entscheidungen durch zusetzen, die jemand anderer getroffen hat. Da bekomme ich Würstel mit Senf serviert. Wünscht man viel Glück zum Abschied? Mir wird schummrig. Was ist, wenn nun alle kommen? Es kommen nicht alle. Und was ist, wenn mit Fluchtgründen noch mehr Kapital aus dem Weltelend geschlagen wird? Ich flüchte vor Corona in die Fremde. Sitze im Speisewagen auf Augenhöhe mit den anderen. Wir fliehen nicht, wir sind eher Ausbrecher. Haben die Bahnreisen im Speisewagen entdeckt, um ins Restaurant gehen zu können. Und diese Augenhöhe rollt über den Semmering. Wie fremd, nach so langer Zeit. Auf der Rückreise nach Wien treffen wir uns wieder. Essen und Trinken in Gleichgültigkeit.

Die Autorin ist Schriftstellerin.

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