Rudolf Anschober: Allein auf weiter Flur

John F. Kennedys Appell an seine Landsleute wurde zum geflügelten Wort: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.“ Wem unter den Politikern unseres Landes würden Sie zutrauen, dass er nach dieser Maxime lebt und handelt? Auf Anhieb fällt mir nur einer ein – und der hat das politische Handwerk an den Nagel gehängt: Rudolf Anschober. Wenn es jemanden gibt, der sich seinem Amt und sein Amt einem Auftrag im Sinne der Volkswohlfahrt untergeordnet hat, dann war es der lange allseits akklamierte und zuletzt doch glücklose Gesundheitsminister. Er gehört für mich zu jenen wenigen, von deren Arbeit ein tatsächlicher Fortschritt für den Stand der österreichischen Realverfassung zu erwarten war, sein Abgang ist nicht bloß ein Verlust für seine Partei und für die Regierung, sondern für die Allgemeinheit. Anschober war als Minister erfahren, besonnen, pragmatisch und zielbewusst, er hatte konkrete Pläne (Stichwort Pflegereform) und war auf dem besten Wege, sie zu verwirklichen – da kam Corona.

Er machte Fehler, natürlich, aber er blieb auch unter dem Druck pandemischer Erfordernisse seinen Prinzipien treu, sachorientiert, konziliant, selbstkritisch und fair gegenüber dem Regierungspartner wie der Opposition. Äußerlich unauffällig – eine Angelobung in Turnschuhen wäre ihm wohl pubertär erschienen – fiel er allein durch seine Haltung auf. Dass ein Politiker wie er in unserem System nicht überlebensfähig ist, spricht nicht für das System, in dem Anstand als Weltfremdheit gilt und Familie einen Beigeschmack von Mafia hat, und auch nicht für Anschobers Partei, in der er sich offenbar ebenso allein auf weiter Flur fühlte wie überall sonst. Marie von Ebner-Eschenbach hat leider recht: „Die Welt gehört denen, die sie haben wollen, und wird von jenen verschmäht, denen sie gehören sollte.“

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin.

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