Was der Fall ist

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Diesmal geht der Oscar an die Opfer. Lydia Mischkulnig zum "Fall Teichtmeister".

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Diesmal geht der Oscar an die Opfer. Lydia Mischkulnig zum "Fall Teichtmeister".

Diesmal geht der Oscar an die Opfer. Sie atmen auf, weil der Film „Corsage“ aus dem Rennen um die Trophäe ist. Stoffe rauschen, Sitze klappen hoch, Köpfe erheben sich. Ein neuer Geist scheint sich auszubreiten. Genugtuung. Ein Schauspieler in der Rolle des Kaisers Franz Joseph bringt einen feministisch angelegten Film über die k. u. k. Nostalgie mit Sissi zu Fall. Kindermissbrauchsbilder. Was sagt uns das? Ein Schwein, wer nicht an die armen Schweine denkt. Personenkult bündelt Macht. Sie entfleischt nicht die Nahrungskette des Verbrechens. Die Opfer, wenn sie überleben, müssen weiterleben. Ihr Seelenfriede ist im Gegensatz zum Rechtsfrieden der Täter nicht herstellbar. Der Oscar glänzt, möge sein Schein diese Gemeinheit besiegen. Was nützen uns Preise, die von MeToo schon geächtet sind? Moralische Integrität hat erotische Macht, mit dem Potenzial zu Selbstgerechtigkeit und Lynchjustiz. Cancel Culture heizt auf. Dreadlocks wurden schon als Opfer verlangt, zum Glück nicht die Eier, der Schwanz und die Zunge des Schauspielers, der die Klage geschändeter Kinder zum Kitsch verstümmeln kann, sobald er sie vorträgt, wie damals im Parlament. Man verehrte den Falschspieler. Personenkult. Opfer in unserer Gesellschaft sind Allmende. Jeder bedient sich für seine Zwecke. Vielleicht ändert sich diese Gemeinheit, weil das Burgtheater und die österreichische Filmwelt um „Corsage“ nun die Opfer sind. Was geschieht mit der Kunst? Wer schaut sich „Corsage“ noch an? Wie soll man die Personalunion des Schauspielers vom Kriminellen trennen, die Darstellungskunst einschätzen? Der Fall stört den Mythos gehörig. Es gibt ­keine Exkulpation.
Die Menschlichkeit ist eine Schule der Entsagung der Ausbeutung. Der Nicht-Oscar ist Trophäe unserer ­Corsage. Annehmbar. Aber Danke.

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