Glaubensfrage

Christentum in den USA: Zu lange weiß

1945 1960 1980 2000 2020

Jesus-Plakate beim Sturm aufs Kapitol führen vor Augen, dass diese Bewegung, die bereit ist zu Gewalt, Aufruhr und Zerstörung der Demokratie, von den Wurzeln bis zu den Astspitzen christlich durchwachsen ist.

1945 1960 1980 2000 2020

Jesus-Plakate beim Sturm aufs Kapitol führen vor Augen, dass diese Bewegung, die bereit ist zu Gewalt, Aufruhr und Zerstörung der Demokratie, von den Wurzeln bis zu den Astspitzen christlich durchwachsen ist.

Diese demonstrative Respektlosigkeit. Diese überhebliche Gewaltbereitschaft. Diese schadenfrohe Arroganz. All das macht mich fassungslos, als ich am 6. Jänner auf CNN sehe, was im Kapitol geschieht. Aber am meisten empören mich die Jesus-Plakate. Unübersehbar führen sie vor Augen, dass diese Bewegung, die bereit ist zu Gewalt, Aufruhr und Zerstörung der Demokratie, von den Wurzeln bis zu den Astspitzen christlich durchwachsen ist. Die Plakate sind kein nebensächlicher Zufall. Auch in Deutschland sind bei aggressiven Protesten gegen die Corona-Maßnahmen Jesusbanner und Holzkreuze zu sehen.

„White too long“, zu lange weiß, so titelt der Theologe Robert Jones sein erhellendes und überaus lesenswertes Buch über das Erbe der weißen Vorherrschaft im US-amerikanischen Christentum, das im Juli 2020 herauskam. Er begann die Niederschrift, als Trump seine Präsidentschaftskandidatur bekannt gab. Zu lange konnte sich der Ex-Präsident auf die Unterstützung aus allen möglichen und unmöglichen christlichen Kreisen verlassen. Zur Rückversicherung nahm er auch immer mal wieder eine Bibel zur Hand, um sie demonstrativ seinen jubelnden Anhänger(innen) entgegenzuhalten. Und was sagt die katholische Kirche dazu? Hille Haker, Ethikerin, die seit 2012 an der Loyola University in Chicago lehrt, stellt fest: „Nicht wenige Bischöfe bekamen glänzende Augen, wenn Trump sie auch nur mit einer Andeutung an ihr Lebensthema, Abtreibung, erinnerte.“ Zu lange weiß. Zu lange männlich.

Aber dieser Tage wurde in Georgia auch Raphael Warnock zum Senator gewählt. Er war fünfzehn Jahre lang Pastor jener Gemeinde, in der der Bürgerrechtler und Mystiker Martin Luther King Jr. regelmäßig predigte. Hoffentlich ist seine visionäre Kraft übergesprungen. Nicht nur der US-Senat könnte sie brauchen.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.