Geheimnis des Lebens

1945 1960 1980 2000 2020

Über negatives Staunen und Hoffnungsschimmertage.

1945 1960 1980 2000 2020

Über negatives Staunen und Hoffnungsschimmertage.

Die Hoffnungsschimmertage kommen wieder, darin die alltäglichen heiligen Lichtzeichen uns unser innerstes Gesicht wiederschenken. Wir, die Zeitzeugen eines unüberschaubar gedehnten „unerträglichen Augenblicks voll ‚negativen Staunens‘“, von dem nicht nur Ernst Bloch wusste, scheinen fixiert auf den systembildenden Mainstream von Mutationen des Neides, der Unbarmherzigkeit und einer sich in alle Existenzritzen einpflanzenden Gewaltbereitschaft, die sich aus der viralen Entwicklung pandemisch wie von selbst ergibt. Auch richtet sie sich gegen das eigene Leben, wird solipsistischer von Lockdown zu Lockdown.

Oder wie sollen wir den Tod des zehnjährigen Mädchens Antonella in Italien verstehen, das einmal aufleuchtete für eine digitale Minutenberühmtheit in einer „Black out challenge“ auf der Videoplattform Tiktok. Im Atemwettbewerb wollte sie den längsten Atem haben. Mit dem Gürtel um den Hals würgte sie sich zu Tode. Sie könnte Modell stehen für das „negative Staunen“, dem wir uns verschreiben, als wäre das die uns zugedachte Zeitmedizin.

„Ich bin das Geheimnis des Lebens“, schreibt Dorothee Sölle über Gott, den All-Liebenden und die alles und jedes Verstehende. Ihr, ihm, der lebendigen Immerliebe ruft sie sich selber mutig zu: „Du wirst mich nicht entziffern und verkäuflich machen, … mich nicht einteilen in überflüssig und verwertbar.“ In dieser Gegenmacht erwacht, zu allem Anfang bereit, die Existenz als eine dem Sakramentalen zugeordnete.

Und ein Mensch ist ein Mensch und ein Tier ist ein Tier und eine Pflanze ist eine Pflanze und Gesundheit ist und Krankheit und Liebe ist und Hass und mein Heute ist und mein Morgen und mein Jetzt ist mein Jetzt. Und Deine schönen Hoffnungsschimmertage, darin die alltäglichen heiligen Lichtzeichen dir dein innerstes Gesicht wiederschenken.

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin i. R.

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