Glaubensfrage

Judentum in den USA: Anpassung und Eigenart

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Wie viel vom Eigenen und Besonderen soll bewahrt werden?

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Wie viel vom Eigenen und Besonderen soll bewahrt werden?

Wer im Süden der USA jüdische ­Geschichte erforscht, den zieht es irgendwann nach Charleston in South Carolina. Diese malerische Hafenstadt steht für historische Meilensteine des amerikanischen Judentums, die bis heute vieldiskutierte Glaubensfragen ansprechen. Vor 200 Jahren war die dortige Synagoge „Beth Elohim“ die größte Gemeinde in den USA. Aus ihrer Mitgliedschaft entwickelte sich 1825 die erste Vereinigung für religiöse Reformen, in deren Gottesdiensten Männer (entgegen der Tradition) keine Kopfbedeckung trugen und die von Chor und Orgel begleitet wurden. 1830 publizierte sie das erste amerikanische Reformgebetbuch: eine verkürzte Liturgie, überwiegend auf Englisch statt Hebräisch.

Diese Veränderungen fanden parallel zu den ersten Reformen in Mitteleuropa statt. Doch obwohl das deutschsprachige Judentum als Keimzelle der religiösen Modernisierung gilt, vollzogen sich die Reformen in Charleston ohne großen Einfluss aus Europa. Sie waren Teil einer pragmatischen Amerikanisierung, die von Laien betrieben wurde. Erst 1840 ließ sich der erste Rabbiner in den USA nieder. Mit dem Zuzug von Religionsgelehrten bekamen die Anpassungen einen ideologischen Überbau, der die religiöse Landschaft des Judentums von Reformern bis zu Orthodoxen (und viel dazwischen) bis weit ins letzte Jahrhundert prägten.

Heute ist diese Landschaft unübersichtlich, auch weil sich die 200 Jahre alten Fragen in neuen Formen immer wieder stellen: Wie viel Anpassung an die Umwelt und den Zeitgeist ist nötig? Wie viel vom Eigenen und Besonderen soll bewahrt werden? Hat die Tradition nur ein Votum oder ein Veto bei Veränderungen? Entscheiden darüber die religiösen Profis oder die Gemeinden? – Fragen, die sich nicht nur in Charleston und nicht nur im Judentum stellen.

Der Autor forscht zurzeit zu Jewish Studies an der Vanderbilt University, Nashville/USA.