Glaubensfrage

Katholische Verschwörer oder: Der Herodes-Effekt

1945 1960 1980 2000 2020

Was Kardinäle als Verschwörungstheoretiker bedeuten.

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Was Kardinäle als Verschwörungstheoretiker bedeuten.

Welch verschwurbeltes Geraune. Hinter den Corona-Maßnahmen befürchten sie die Einmischung fremder Mächte, undurchsichtige Absichten übernationaler Organisationen, die Schaffung einer kontrollfreien Weltregierung. Sogar die „Söhne der Finsternis“ werden in Stellung gebracht. Konkretionen und Belege sucht man vergebens. Der Griff zu Verschwörungstheorien stammt aber nicht von irgendjemandem, sondern von aktuellen und einstigen Führungskräften der katholischen Kirche.

Auch in der Pandemie können sich Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle jederzeit auf den Herodes-Effekt verlassen. Der besagt: Wenn Maria und Josef, sichtbar aus ärmlichen Verhältnissen stammend, an die Tür klopfen, ist in der Herberge kein Platz mehr; steht aber König Herodes davor, so sind – oh Wunder! – die besten Zimmer frei. Premierminister Boris Johnson, auch so ein Verschwörungsrauner, kam in den Genuss der allerbesten klinischen Versorgung, als er an Covid-19 erkrankte, nachdem er weiter fröhlich Hände geschüttelt hatte und nichts gegen die Pandemie unternahm.

Der Aufruf vom 8. Mai 2020 unter Führung von Erzbischof Carlo Maria Viganò und Kardinal Gerhard Ludwig Müller spielt Regierungen wie der in Brasilien in die Hände, die die hohen Opferzahlen in Elendsvierteln schulterzuckend in Kauf nehmen. Eine „kleine Grippe“ nannte Präsident Bolsonaro die neue Krankheit. Nun gibt es dort täglich neue Infektionsrekorde. Indigene Stämme müssen wegen erhöhter Vulnerabilität befürchten, dass das Virus sie auslöscht. Aber gut: ohne sie lässt sich der Regenwald schneller abholzen. Das Opfern von Menschen zeigt sich über das Archaische hinaus als aktuelles Problem. Verschwörungstheorien aus der katholischen Kirche geben solchen Menschenopfern Rückendeckung.

Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.