Glaubensfrage

Leise, aber ohrenbetäubend

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, konnte man in Deutschland und darüber hinaus viele Geräusche hören: Abgesehen von klamm­heimlicher Freude oder offenem Beifall durch Antisemiten im Internet vor allem Entsetzens-Bekundungen, Forderungen nach mehr Schutz jüdischer Einrichtungen, und Gelübde, Rechtsextremisten besser zu überwachen.

Weil dies für viele Juden in Deutschland aber vor allem genau das war – Geräusche, aber nicht mehr –, konnte man, ohne die Ohren zu spitzen und sogar aus dem fernen Ausland, noch etwas anderes hören: ein Rumpeln in Dachkammern, Kellern, Schränken und anderen Orten, wo leere Koffer herausgesucht, manche sogar aufgeklappt und vor volle Schränke gestellt wurden. Das Bild von den „gepackten Koffern“, auf denen Juden saßen, stammt aus der Zeit nach der Schoa, als das Land der Täter nur als Durchgangsstation denkbar war oder als Wohnort auf Bewährung. Dies änderte sich nur langsam und wurde sichtbar durch den Neubauoder Wiederaufbau von Synagogen ab den 1980er Jahren. „Wer ein Haus baut, der will bleiben“, sagte 1986 Salomon Korn, führender Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Die Koffer rückten immer weiter nach hinten, aber sie blieben – wie auch der Anti­semitismus immer dablieb. Doch seine schleichende Enttabuisierung und das Umschlagen in Gewalt machten ein Leben in Deutschland für viele Juden von einer Glaubens- zu einer Überlebensfrage.

Lange wollten Politik und Mehrheitsgesellschaft dies nicht wahrhaben. Zu viel steht auf dem Spiel: Jüdisches Leben in Deutschland war immer Beleg für die moralische und politische Stabilität des Gemeinwesens. Jeder Koffer, der dieser Tage knarrend aufgeklappt wird, stellt dies jetzt in Frage: ein leises, ohrenbetäubendes Geräusch.

Der Autor forscht zurzeit zu Jewish Studies an der Vanderbilt University, Nashville/USA.

Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle/Saale am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, konnte man in Deutschland und darüber hinaus viele Geräusche hören: Abgesehen von klamm­heimlicher Freude oder offenem Beifall durch Antisemiten im Internet vor allem Entsetzens-Bekundungen, Forderungen nach mehr Schutz jüdischer Einrichtungen, und Gelübde, Rechtsextremisten besser zu überwachen.

Weil dies für viele Juden in Deutschland aber vor allem genau das war – Geräusche, aber nicht mehr –, konnte man, ohne die Ohren zu spitzen und sogar aus dem fernen Ausland, noch etwas anderes hören: ein Rumpeln in Dachkammern, Kellern, Schränken und anderen Orten, wo leere Koffer herausgesucht, manche sogar aufgeklappt und vor volle Schränke gestellt wurden. Das Bild von den „gepackten Koffern“, auf denen Juden saßen, stammt aus der Zeit nach der Schoa, als das Land der Täter nur als Durchgangsstation denkbar war oder als Wohnort auf Bewährung. Dies änderte sich nur langsam und wurde sichtbar durch den Neubauoder Wiederaufbau von Synagogen ab den 1980er Jahren. „Wer ein Haus baut, der will bleiben“, sagte 1986 Salomon Korn, führender Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Die Koffer rückten immer weiter nach hinten, aber sie blieben – wie auch der Anti­semitismus immer dablieb. Doch seine schleichende Enttabuisierung und das Umschlagen in Gewalt machten ein Leben in Deutschland für viele Juden von einer Glaubens- zu einer Überlebensfrage.

Lange wollten Politik und Mehrheitsgesellschaft dies nicht wahrhaben. Zu viel steht auf dem Spiel: Jüdisches Leben in Deutschland war immer Beleg für die moralische und politische Stabilität des Gemeinwesens. Jeder Koffer, der dieser Tage knarrend aufgeklappt wird, stellt dies jetzt in Frage: ein leises, ohrenbetäubendes Geräusch.

Der Autor forscht zurzeit zu Jewish Studies an der Vanderbilt University, Nashville/USA.