Matić-Report: Europa im Schwangerschaftskonflikt

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Über den problematischen Matić-Report - und die Notwendigkeit, sich in Sachen Schwangerschaftsabbruch der Komplexität des Lebens zu stellen.

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Über den problematischen Matić-Report - und die Notwendigkeit, sich in Sachen Schwangerschaftsabbruch der Komplexität des Lebens zu stellen.

Es war zu befürchten: Im Zuge des Matić-Reports hat das EU-Parlament den verständlichen Wunsch, Frauen im Schwangerschaftskonflikt zu helfen, mit einem Recht auf Abtreibung und einem Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit von Ärzt(inn)en verknüpft. Dabei ist auffallend, dass der Text Interessenabwägungen vermissen lässt. Damit wird er der Komplexität einer Situation nicht gerecht, in der zahlreiche Interessen, psychische, physische und soziale Faktoren verwoben sind.

Dass die nach der europäischen Grundrechtsordnung erforderlichen Interessenabwägungen nicht vorgenommen wurden, ist menschlich, politisch und juristisch unbefriedigend – und entlarvend: Hier wird nicht nur ein Menschenbild sichtbar, das dem Embryo das Lebensinteresse abspricht, sondern hier erkennt man auch ein Gesellschaftsverständnis, dass schützenswerte Interessen einer Gruppe verabsolutiert und die Interessen anderer ignoriert.

Wichtig ist es aber, wachsam in die Zukunft zu schauen: In Österreich darf der Schutz der Glaubens- und Gewissensfreiheit für das medizinische Personal nicht ignoriert werden. Und es wäre wichtig, soziale Umstände, die Mütter und Väter in einen Schwangerschaftskonflikt bringen, zu verbessern. Ein wichtiger Schritt dazu wäre eine systematische anonyme Erfassung der sozio-ökonomischen Grunddaten jener Personen, die sich an Beratungsstellen wenden. Wer helfen will, muss sich den Lebenssituationen in ihrer Komplexität stellen!

Ich baue dabei auf jene Politiker und die EU-Abgeordneten auch aus Österreich, die gegen den Matic-Report gestimmt haben: Ihnen ist zu danken und gleichzeitig Mut zu machen, in Österreich die Hilfe für Frauen im Schwangerschaftskonflikt durch ausgewogene Lösungen weiter zu verbessern.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.

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