Wer bin ich? Oder: Die Identität im Wandel

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Wenn die Identität im ständigen Wandel ist, wie würde die alte Brigitte Quint über die neue denken und umgekehrt? Ein Gedankenexperiment.

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Wenn die Identität im ständigen Wandel ist, wie würde die alte Brigitte Quint über die neue denken und umgekehrt? Ein Gedankenexperiment.

Letztens hat mir eine Freundin ein Foto von ihrer Tochter geschickt. Darauf sah man die Vierjährige beim Lesen der FURCHE. Noch vor wenigen Monaten, so schrieb die Freundin, hätte ihr Kind Modemagazine bevorzugt. Wir plänkelten, dass sich in den vergangenen Jahren auch unsere Prioritäten verschoben hätten. Ich erwähnte, dass wir uns früher um diese Zeit – es war Samstagabend, kurz vor 21 Uhr – für irgendein bayerisches Zeltfest aufgestylt hätten, während wir uns heute bettfertig machten.

Der Theologe Frank Vogelsang erklärte jüngst im WDR-Radio, dass sich Identität ständig wandle. Die Gretchenfrage der Identität – Wer bin ich? – führte daher je nach Lebensabschnitt zu unterschiedlichen Ergebnissen. Vogelsang zufolge habe ich heute eine andere Identität als in meinen frühen 30er Jahren – den Zeltfestjahren. Was wäre, wenn sich beide Identitäten austauschen könnten? Meine Mitte-40-Identität (also die aktuelle) würde vermutlich meine Anfang-30-Identität darauf hinweisen, dass man auf Zeltfesten weder das Glück fürs Leben noch die innere Erfüllung fände.

Die Anfang-30-Identität wäre ob dieser Oberschlaumeierei genervt. Ausdrücke wie Spaßbremse oder fade Nockn würden fallen. Die Anfang-20-Identität wiederum würde insgeheim der Anfang-30-Identität beipflichten. Aber sie wäre nicht selbstsicher genug, um es vor der Mitte-40-Identität zuzugeben. Am spannendsten wäre das Urteil der Mitte-50-Identität. Hoffentlich ist die ausgeschlafen. Wenn die zutage tritt, ist die Tochter meiner Freundin 14 Jahre alt. Ich will mir gar nicht ausmalen, was sie dann liest – oder nicht liest. Vermutlich rennt sie auf bayerische Zeltfeste. Für mich ist das eine schöne Vorstellung.

Lesen Sie auch die Quint-Essenz "Der grüne Treppenwitz" oder "Panik vor Plastik-Dinos".

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