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Politik

Zwischen Kitsch und TODESDROHUNG

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Frage: Was haben schwarz geschminkte Gesichter, wulstige rote Lippen und Afro-Perücken mit Kolo nialismus oder Sklaverei zu tun? Besitzen solche Acessoires, von weißen Europäern aus brauchtümlichem Anlass zur Schau getragen, diskriminierendes Potential? Die Antwort: natürlich nicht. Sie gehören zu Zwarte Piet, einem traditionellen Protagonisten des überaus beliebten niederländischen Sinterklaas-Fests am 5. Dezember. "Sint" ist nicht weniger als der Freund und Liebling aller Kinder, und die "Pieten", seine zahlreichen tollpatschigen Handlanger, werden ebenso sehnlichst erwartet. Was also soll daran verkehrt sein?

Jahrelang haben solche Argumente gereicht um die Kritik antirassistischer Aktivisten an Zwarte Piet vom Tisch zu fegen. Ob ungläubig den Kopf schüttelnd, oder genervt zwischen Pfeffernüssen und Kakao hervorgerülpst -mit dieser Reaktion war alles gesagt, was zu sagen war. Manche machten sich noch die Mühe zu beschwichtigen: "Es ist doch nur ein Kinderfest." Premierminister Mark Rutte war selbst das zu viel. "Zwarte Piet ist nun mal schwarz. Da kann ich nichts dran ändern", verweigerte er einst die Diskussion.

Ein Pfad aus dem Schlamassel

Zwischen dem weggelachten Protest früherer Jahre und der hitzigen Debatte in diesem Herbst lag die Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, die sich 2013 vor Ort mit dem Rassismus-Faktor des Zwarte Piet beschäftigte. Dass da eine supranationale Instanz von außen kam und sich das beliebteste Stückchen Brauchtum vornahm, brachte das Fass zum Überlaufen. Der folgende Aufschrei ließ keinen Zweifel, dass ein empfindlicher Punkt berührt worden war: Tradition, Kindheitserinnerung und nicht zuletzt die Identitätsfrage einer Mehrheitsgesellschaft, die aus ihrer turbulenten Immigrationsdebatte vor allem eine Lehre gezogen hat: dass man angeblich zu lange zu tolerant war.

Ein Produkt dieses Diskurses ist auch der abgrundtiefe Hass auf politische Korrektheit. Als nichts anderes nimmt es das Gros der weißen Niederländer wahr, wenn etwa die Initiative "Kick Out Zwarte Piet" die Abschaffung der Figur fordert. Man sieht das als abstraktes Diktat von "Piet- Hassern", die darauf aus seien, der Mehrheit den Spaß zu verderben. Ihr Protest gilt als realitätsferne Anstellerei, wenn nicht gar als Zumutung, die das beanspruchte Definitionsmonopol relativiert. Die Empörung darüber beruht auf dem Konsens, das "Kinderfest" sei nicht rassistisch gemeint. Und auf der selbstverständlichen Annahme, dass Traditionen mehr wiegen als, nun ja, politische Korrektheit.

Außerhalb dieser Lesart lebt es sich nicht ungefährlich: da gibt es den Anwalt Frank King, der die Kläger gegen den Sinterklaas-Einzug in Amsterdam juristisch beriet und sich nach Morddrohungen zurückzog. King, mit seinen Eltern einst aus der ehemaligen Kolonie Surinam in die Niederlande gezogen, bekam in einer Mail gesagt, man müsste ihn wie seine Vorfahren auf ein Sklavenschiff setzen. Für TV-und Radio-Präsentator Quinsy Gario, eins der bekanntesten Gesichter der Anti-Piet-Bewegung, gehören Morddrohungen schon zur Sinterklaas-Folklore. Der Social-Media-Shitstorm, der sich auch in diesem Jahr über ihn ergießt, wimmelt von rassistischen Beleidigungen.

Jenseits von klebriger Sentimentalität und Drohgebärden jedoch zeichnet sich ein Pfad ab, der, wie viele hoffen, aus dem ganzen Schlamassel herausführen könnte: zentraler Punkt ist die optische Veränderung von Piet, einhergehend mit seiner Umbenennung. In Schulen, Freizeitvereinen und Stadträten erwägt man seit Monaten, die Figur von ihren kolonialen Acessoires zu befreien. Man diskutiert Käsepieten, Sirupwaffelpieten, bunte Pieten, weiße Pieten, Regenbogenpieten. Viele Politiker propagieren diesen Weg, und selbst die "Pietengilde", leidenschaftliche Lobbyisten für den Erhalt des Sinterklaasfests, signalisieren ihr Einverständnis mit dieser Anpassung.

An der Basis aber löst dieser Ansatz einen Aufschrei und neue Unsicherheit aus. Ersteres erfuhr im Oktober die Supermarktkette Albert Heijn. Mit der Ankündigung die diesjährige Werbekampagne ohne Zwarte Piet zu halten, erntete sie wütende Reaktionen bis hin zum Boykottaufruf. Und was die Unsicherheit betrifft, verfolgten Hunderttausende im Novembergebannt das "Sinterklaasjournaal", eine tägliche Spezialsendung zur niederländischen fünften Jahreszeit, zugleich Leitmedium und Zentralorgan des jährlichen Hypes. Die zentrale Frage: welche Farben haben die "Pieten"?

Der Spaß ist vorbei

Die Antwort war ein Paradestück niederländischer Konsensdemokratie: Es begann mit schwarzen Helfern, "altmodisch gesellig", so der von einem Schauspieler dargestellte Heilige, und ein lautes Aufatmen war im Land zu hören. Doch an den folgenden Abenden wurden nacheinander weiße und "Clown-Pieten" eingeführt. Was für ein Schachzug: populistisch angetäuscht, multikulturell vorbeigegangen! "Die Farbe von Piet ist nicht wichtig", war die Botschaft dazu. Angesichts der edukativen Funktion der Sendung eine klare Ansage. Beinahe hätte man es geahnt: auch für das "Sinterklaasjournaal" gab es als Folge einen Boykottaufruf beleidigter Traditionalisten.

Und wie das so geht in Phasen gesellschaftlicher Umbrüche: sicher ist plötzlich nichts und Niemand mehr, nicht einmal Sinterklaas selbst. So machte wenig später ein Aushilfsnikolaus aus Pijnacker Schlagzeilen. Als Begleitung beim feierlichen Einzug in dem Städtchen zwischen Rotterdam und Den Haag hatte er je einen blauen, einen grünen und einen lila Helfer auserkoren. Drei von 30, so das bescheidene Zugeständnis an den Diskurs -drei zu viel, so scheint es, denn der Mann, der die Feier in Pijnacker seit 20 Jahren organisiert, fand daraufhin ein anonymes Schreiben in seinem Briefkasten vor. Ein Messer verdiene er in seinen Rücken, der so schwach sei, dass er das ohnehin nicht mehr merke. Sinterklaas will an den bunten Helfern festhalten, um nicht einzuknicken gegenüber "ein paar Idioten". Danach aber überlegt er sein Ehrenamt an den Nagel zu hängen. "Der Spaß ist ein bisschen vorbei."

Frage: Was haben schwarz geschminkte Gesichter, wulstige rote Lippen und Afro-Perücken mit Kolo nialismus oder Sklaverei zu tun? Besitzen solche Acessoires, von weißen Europäern aus brauchtümlichem Anlass zur Schau getragen, diskriminierendes Potential? Die Antwort: natürlich nicht. Sie gehören zu Zwarte Piet, einem traditionellen Protagonisten des überaus beliebten niederländischen Sinterklaas-Fests am 5. Dezember. "Sint" ist nicht weniger als der Freund und Liebling aller Kinder, und die "Pieten", seine zahlreichen tollpatschigen Handlanger, werden ebenso sehnlichst erwartet. Was also soll daran verkehrt sein?

Jahrelang haben solche Argumente gereicht um die Kritik antirassistischer Aktivisten an Zwarte Piet vom Tisch zu fegen. Ob ungläubig den Kopf schüttelnd, oder genervt zwischen Pfeffernüssen und Kakao hervorgerülpst -mit dieser Reaktion war alles gesagt, was zu sagen war. Manche machten sich noch die Mühe zu beschwichtigen: "Es ist doch nur ein Kinderfest." Premierminister Mark Rutte war selbst das zu viel. "Zwarte Piet ist nun mal schwarz. Da kann ich nichts dran ändern", verweigerte er einst die Diskussion.

Ein Pfad aus dem Schlamassel

Zwischen dem weggelachten Protest früherer Jahre und der hitzigen Debatte in diesem Herbst lag die Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen, die sich 2013 vor Ort mit dem Rassismus-Faktor des Zwarte Piet beschäftigte. Dass da eine supranationale Instanz von außen kam und sich das beliebteste Stückchen Brauchtum vornahm, brachte das Fass zum Überlaufen. Der folgende Aufschrei ließ keinen Zweifel, dass ein empfindlicher Punkt berührt worden war: Tradition, Kindheitserinnerung und nicht zuletzt die Identitätsfrage einer Mehrheitsgesellschaft, die aus ihrer turbulenten Immigrationsdebatte vor allem eine Lehre gezogen hat: dass man angeblich zu lange zu tolerant war.

Ein Produkt dieses Diskurses ist auch der abgrundtiefe Hass auf politische Korrektheit. Als nichts anderes nimmt es das Gros der weißen Niederländer wahr, wenn etwa die Initiative "Kick Out Zwarte Piet" die Abschaffung der Figur fordert. Man sieht das als abstraktes Diktat von "Piet- Hassern", die darauf aus seien, der Mehrheit den Spaß zu verderben. Ihr Protest gilt als realitätsferne Anstellerei, wenn nicht gar als Zumutung, die das beanspruchte Definitionsmonopol relativiert. Die Empörung darüber beruht auf dem Konsens, das "Kinderfest" sei nicht rassistisch gemeint. Und auf der selbstverständlichen Annahme, dass Traditionen mehr wiegen als, nun ja, politische Korrektheit.

Außerhalb dieser Lesart lebt es sich nicht ungefährlich: da gibt es den Anwalt Frank King, der die Kläger gegen den Sinterklaas-Einzug in Amsterdam juristisch beriet und sich nach Morddrohungen zurückzog. King, mit seinen Eltern einst aus der ehemaligen Kolonie Surinam in die Niederlande gezogen, bekam in einer Mail gesagt, man müsste ihn wie seine Vorfahren auf ein Sklavenschiff setzen. Für TV-und Radio-Präsentator Quinsy Gario, eins der bekanntesten Gesichter der Anti-Piet-Bewegung, gehören Morddrohungen schon zur Sinterklaas-Folklore. Der Social-Media-Shitstorm, der sich auch in diesem Jahr über ihn ergießt, wimmelt von rassistischen Beleidigungen.

Jenseits von klebriger Sentimentalität und Drohgebärden jedoch zeichnet sich ein Pfad ab, der, wie viele hoffen, aus dem ganzen Schlamassel herausführen könnte: zentraler Punkt ist die optische Veränderung von Piet, einhergehend mit seiner Umbenennung. In Schulen, Freizeitvereinen und Stadträten erwägt man seit Monaten, die Figur von ihren kolonialen Acessoires zu befreien. Man diskutiert Käsepieten, Sirupwaffelpieten, bunte Pieten, weiße Pieten, Regenbogenpieten. Viele Politiker propagieren diesen Weg, und selbst die "Pietengilde", leidenschaftliche Lobbyisten für den Erhalt des Sinterklaasfests, signalisieren ihr Einverständnis mit dieser Anpassung.

An der Basis aber löst dieser Ansatz einen Aufschrei und neue Unsicherheit aus. Ersteres erfuhr im Oktober die Supermarktkette Albert Heijn. Mit der Ankündigung die diesjährige Werbekampagne ohne Zwarte Piet zu halten, erntete sie wütende Reaktionen bis hin zum Boykottaufruf. Und was die Unsicherheit betrifft, verfolgten Hunderttausende im Novembergebannt das "Sinterklaasjournaal", eine tägliche Spezialsendung zur niederländischen fünften Jahreszeit, zugleich Leitmedium und Zentralorgan des jährlichen Hypes. Die zentrale Frage: welche Farben haben die "Pieten"?

Der Spaß ist vorbei

Die Antwort war ein Paradestück niederländischer Konsensdemokratie: Es begann mit schwarzen Helfern, "altmodisch gesellig", so der von einem Schauspieler dargestellte Heilige, und ein lautes Aufatmen war im Land zu hören. Doch an den folgenden Abenden wurden nacheinander weiße und "Clown-Pieten" eingeführt. Was für ein Schachzug: populistisch angetäuscht, multikulturell vorbeigegangen! "Die Farbe von Piet ist nicht wichtig", war die Botschaft dazu. Angesichts der edukativen Funktion der Sendung eine klare Ansage. Beinahe hätte man es geahnt: auch für das "Sinterklaasjournaal" gab es als Folge einen Boykottaufruf beleidigter Traditionalisten.

Und wie das so geht in Phasen gesellschaftlicher Umbrüche: sicher ist plötzlich nichts und Niemand mehr, nicht einmal Sinterklaas selbst. So machte wenig später ein Aushilfsnikolaus aus Pijnacker Schlagzeilen. Als Begleitung beim feierlichen Einzug in dem Städtchen zwischen Rotterdam und Den Haag hatte er je einen blauen, einen grünen und einen lila Helfer auserkoren. Drei von 30, so das bescheidene Zugeständnis an den Diskurs -drei zu viel, so scheint es, denn der Mann, der die Feier in Pijnacker seit 20 Jahren organisiert, fand daraufhin ein anonymes Schreiben in seinem Briefkasten vor. Ein Messer verdiene er in seinen Rücken, der so schwach sei, dass er das ohnehin nicht mehr merke. Sinterklaas will an den bunten Helfern festhalten, um nicht einzuknicken gegenüber "ein paar Idioten". Danach aber überlegt er sein Ehrenamt an den Nagel zu hängen. "Der Spaß ist ein bisschen vorbei."