Andrej Pliachko  - © Foto: Felix Adler
Porträtiert

Andrej Pliachko: Belarus' einfacher Regimegegner

1945 1960 1980 2000 2020

Über einen etwas anderen Oppositionellen in Belarus.

1945 1960 1980 2000 2020

Über einen etwas anderen Oppositionellen in Belarus.

Andrej Pliachko ist ein Mensch, zu dem man hinaufsieht – der aber nie auf einen herabblickt. Er grinst viel, dieser Hüne mit seinen 190 cm. Er lacht. Er ist Pädagoge. Er meditiert viel. Er ist eine Zeitlang durch die Welt gezogen, hat sich treiben lassen, bis es ihn wieder in seine Heimat Belarus gezogen hat. In Brest, an der Grenze zu Polen, lebt er heute. Er ist ein zuvorkommender Mensch, dieser Andrej Pliachko. Und so lädt er bei einem Besuch in seinem Arbeitsraum in Minsk auf eine Tasse Kaffee ein.

Da entdeckt Andrej Pliach­ko etwas in der Spüle dieser Gemeinschaftsküche. Eine Tasse. Eine, auf der verblasst und verwaschen eine weiß-rot-weiße Fahne zu sehen ist. Es ist die alte Fahne von Belarus, ehe Alexander Lukaschenko diese 1995 abschaffte – das Zeichen der Opposition. Andrej wollte eigentlich schon in die USA auswandern. Im November 2019 war das. Da war von Protesten in einem Ausmaß wie dem jetzigen keine Rede. Freilich brodelte es unter der Oberfläche. Aber das tat es immer in diesem Land.

Im August 2020 ist alles anders. In Brest ist gerade eine Kundgebung niedergeknüppelt worden. Gerannt sind sie. Auch er. Dabei hatte es gerade noch ein paar Tage zuvor so ausgesehen, als würde die Polizei die Seiten wechseln. Der Straßenpolizei war bereits seit einigen Tagen alles egal. Und Andrej? Der war voll und ganz in Brest. Weggehen? Wieso? Aber an diesem Abend haben die Sicherheitsdienste auch in Brest bewiesen, dass es sie noch gibt. Und da war sich Andrej nicht mehr sicher, ob das die Wende werden wird:

Er zähle auf dieses so sonderbare Jahr, dass es noch eine wirklich große Überraschung parat habe. „Mal sehen“, sagte er. Nun verfolgt er die Demos, die Nachrichten auf einschlägigen Telegram-Kanälen. Auch wenn sich ihm dabei immer öfter­ der Bauch zusammenkrampft. Für ihn hat es die Wahl am 9. August nicht gegeben – nur die Gewalt danach war und ist echt. Er lässt sich beeindrucken von den Märschen, den Menschenketten mutiger Frauen im Angesicht schwer bewaffneter Sonderpolizeikommandos. Und er ist im gleichen Ausmaß geschockt, wie viele Personen von den Schlägern bis zu den Richtern und Beamten dieses System am Leben erhalten. Und ja, er ist wieder da, der Traum von den USA.