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Anthropotechniken sind nicht gefragt

Der gentechnische Fortschritt löst Hoffnungen wie Befürchtungen aus. Zu den Hoffnungen gehört eine verbesserte Bekämpfung von Krankheiten, zu den Befürchtungen ein eugenisches, behindertenfeindliches Denken bis hin zur Idee der Menschenzüchtung. Bleibt das christliche Menschenbild auf der Strecke?

Der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin wendet sich jedenfalls gegen "die falsche Angst, Gott zu spielen". Fragwürdig sei nicht die Gentechnik, sondern die herrschenden, vom Christentum geprägten Moralvorstellungen.

Es bedarf nicht erst einer theologischen Begründung, um die Haltlosigkeit eines reduktionistischen Menschenbildes, das teilweise aus den Erkenntnisse der Molekularbiologie abgeleitet wird, zu durchschauen. Die Frage, was der Mensch ist, lässt sich rein bio-logisch nicht beantworten. Das gilt auch für Krankheit und Gesundheit. Entschlüsselte Gene sagen nichts über den Sinn des Lebens oder des Leidens aus.

Zwar kennt auch die christliche Anthropologie den Unterschied zwischen altem und neuem Menschen. Aber es handelt sich hierbei um eine eschatologische Differenz, das heißt um den Hinweis auf die letztgültige Bestimmung und Vollendung des Menschen, die von ihm selbst nicht zu leisten ist.

Der alte Mensch im biblischen Sinne ist nicht verbesserungs-, sondern vergebungsbedürftig. Das schöpferische Wort der Vergebung aber macht ihn nicht besser, sondern neu.

Nicht von Gendefekten, sondern von moralischen Defekten, zu denen die Entleerung des Solidaritätsbegriffes gehört, gehen die wirklichen Gefahren aus.

Was wir brauchen, sind nicht "Anthropotechniken" (Peter Sloterdijk), sondern die Erneuerung einer Kultur der Solidarität.

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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