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"Das klassische Mobbing-Opfer gibt es nicht“

Christa Kolodej ist Geschäftsführerin von "Christa Kolodej Consulting“ und leitet "Work & People“, das Zentrum für Konflikt- und Mobbing-Beratung. Die 48-Jährige publizierte Fachbücher zum Thema Mobbing und studierte Psychologie und Soziologie in Wien und Berlin.

DIE FURCHE: Wie oft kommen im Schnitt Betroffene zu Ihren Beratungen und wie kann man sich eine Sitzung vorstellen?

Christa Kolodej: Eine Mobbing-Beratung dauert zirka drei bis fünf Einheiten. Manche Betroffene kommen aber auch länger. Mobbing-Beratung heißt Strategieentwicklung, um das Mobbing zu beenden und beschäftigt sich mit der Frage "Was kann ich morgen, wenn ich in die Arbeit gehe, tun, um das Mobbing zu beenden?“ Natürlich heißt das in weiterer Konsequenz, die Betroffenen zu stärken und oder zu stabilisieren.

DIE FURCHE: Wie kann sich der Betroffene gegen Mobbing zur Wehr setzen?

Kolodej: Es gibt eine Vielzahl von Interventionen, die wir auf den speziellen Fall abstimmen. Prinzipiell muss der Hebel zum Machtausgleich gefunden werden, da die Betroffenen sich meist in einer unterlegenen Position befinden. Natürlich wird der Betroffene vorweg versuchen die Situation mit dem Mitarbeiter, der ihn schikaniert, selbst zu klären. Ist dies nicht möglich, dann ist es wichtig, den Betriebsrat oder die Arbeiterkammer zu Rate zu ziehen und den Arbeitgeber zu informieren. Dieser ist verpflichtet zu handeln.

DIE FURCHE: Und wenn sich die Situation dadurch nicht ändert?

Kolodej: Ich würde nur nach reiflicher Überlegung das Dienstverhältnis beenden. Bei großem Schaden und einer guten Dokumentation in Form eines Mobbing-Tagebuches kann auch eine Klage in Erwägung gezogen werden.

DIE FURCHE: Was ist zu tun, wenn der Chef selbst mobbt?

Kolodej: Das ist besonders schwierig. Im Fachjargon nennen wir das Bossing. Wenn der Vorgesetzte beginnt, seine Untergebenen zu schikanieren, hilft der Gang zu den Interessenvertretungen oder zum übergeordneten Vorgesetzten. Wichtig ist hier eine gute Vorbereitung und Beratung.

DIE FURCHE: Wo liegt für Sie die Grenze zwischen einer Meinungsverschiedenheit und Mobbing?

Kolodej: Ein Konflikt, beziehungsweise eine Meinungsverschiedenheit, wird offen ausgetragen. Mobbing hingegen hat System. Es ist eine dauerhafte, systematische Schikane, mit dem Ziel, jemanden vom Arbeitsplatz zu verdrängen. Mal kommt der Betroffene ins Büro und niemand redet mit ihm, mal sind Arbeitsmaterialien verschwunden. Mobbing steigert sich meist Schritt für Schritt.

DIE FURCHE: Gibt es denn Persönlichkeitsstrukturen, die Mobbing quasi anziehen?

Kolodej: Nein, Mobbing betrifft jeden, quer durch alle Schichten. Oft treten aber Menschen in die Mobbing-Falle, die konfliktscheu sind und sich viel gefallen lassen.

DIE FURCHE: Warum beginnen Kollegen überhaupt, andere zu schikanieren?

Kolodej: Viele haben selbst Angst um ihren Arbeitsplatz oder leiden unter dem hohem Konkurrenzdruck. Manchmal ist es aber auch für einen Außenstehenden nicht nachvollziehbar, warum solche Mobbing-Dynamiken entstehen. (eg)

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