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Lebensinhalt: Insekten

1945 1960 1980 2000 2020

Claude Nuridsany und Marie Perennou fotografieren und filmen seit drei Jahrzehnten die Welt der winzigen Krabbeltiere.

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Claude Nuridsany und Marie Perennou fotografieren und filmen seit drei Jahrzehnten die Welt der winzigen Krabbeltiere.

Ein in anderthalbjähriger Arbeit entwickelter Kamerawagen folgt präzise den Bewegungen der Hauptdarsteller, die mitunter, von der Neugierde gepackt, die Kamera erklettern. Ein ferngesteuerter Mini-Hubschrauber filmt ihre Flugwege so, wie sie selbst sie erleben. Seit fast 30 Jahren fotografieren und filmen die Pariser Biologen Claude Nuridsany und Marie Perennou Insekten. Ihr Film "Mikrokosmos" stellt den bisherigen Höhepunkt ihrer Arbeit dar, sein Erfolg überrundete in Frankreich sogar die Kassenschlager aus Hollywood. Das Buch dazu heißt "Mikrokosmos - Das Volk in den Gräsern" und ist nun auch in deutscher Sprache zu haben.

Es ist einer der schönsten Bildbände, die bisher über Insekten gemacht wurden. Die Schärfe der Aufnahmen wirft jeden um, der schon einmal versucht hat, mit Stativ und Balgengerät Aufnahmen aus der Welt des Kleinen und Kleinsten zu machen. Ihre Schönheit ist begeisternd. Aber darin, Schönheit darzubieten, erschöpfen sich die Absichten der beiden keineswegs. Sie wollten über den Film hinausgehen, in den Texten des Buches einen Ausschnitt der wissenschaftlichen Erkenntnisse bieten, die der Film vorenthält.

Er war nämlich als Naturmärchen und Hymne an die Schönheit der Insekten konzipiert, und wissenschaftliche Erklärungen vertragen sich nun einmal nicht gut mit einer Hymne. Auch sollte es kein Film über Insekten, sondern ein Film mit Insekten werden, so, wie man einen Film mit Schauspielern dreht. Also aus der Perspektive der kleinen Lebewesen - wenigstens, was ihre Optik betrifft. Denn wie sie die Welt erleben, wird der Mensch wohl nie erfahren.

Immerhin erfahren wir, daß auch Insekten nicht bloß Individuen, sondern Individualitäten sind. So erwiesen sich manche Marienkäfer als unbrauchbar für die Arbeit vor der Kamera, während sich eines so aufführte, als hätte es das Drehbuch gelesen und genau das vorführte, was immer wieder gefilmt werden mußte, bis es zur Zufriedenheit gelang. Nämlich das Erklettern eines Grashalms und den gekonnten Start in die Lüfte von seiner Spitze aus.

Die Intention des Buches ist, mit anderen Mitteln, dieselbe wie die des Films. Nuridsany und Perennou werben um Liebe für die Insekten und um Schutz für ihren Lebensraum. Viele Filme aus der Welt des Kleinsten dramatisieren, stützen sich auf die Wirkung der optischen Ungeheuerlichkeiten, die durch die Vergrößerung auf Leinwandformat entstehen, bieten die Sensation des Fressens und Gefressenwerdens. Die beiden filmenden Biologen hingegen ließen Insekten die Hautprollen spielen, die den Menschen "sympathisch" erscheinen, also Marienkäferchen, Libellen, Heuschrecken und so fort. Die "Ungeheuer" kommen freilich auch vor, um kein verfälschtes Bild vom "Volk in den Gräsern" zu bieten.

Wer Fliegen genau beobachtet, kann aus ihrem Verhalten sogar auf ihre Laune schließen. Unablässiges Putzen der Fühler deutet bei der Stubenfliege und anderen Insekten auf Ratlosigkeit und Verwirrung in einer ungeklärten Situation hin. Die Fühler sind nicht nur Tastorgane, sondern auch Sitz des Geruchssinns - der völlig anders als unserer funktioniert. Für Insekten haben Gerüche eine Form. Die Duftmarken, mit denen beispielsweise Ameisen den Weg zu einer aufgespürten Nahrungsquelle markieren, geben eine Richtung an, wirken also wie ein Pfeil. Die Fühler sind aber auch Verständigungsorgane. Mit den Fühlern halten Bienen und Wespen Zwiesprache - einige Wörter dieser Sprache wurden bereits entschlüsselt. Der Forscher Hubert Montagnet überprüfte seine These, daß eine bestimmte Bewegung der Fühler "Gib mir Futter!" bedeutet, mit zwei von einem Uhrwerk angetriebenen Fühlern. Tatsächlich boten die Bienen dem bettelnden Automaten Honig an.

Besonders faszinierend ist die Erkenntnis, daß die Evolution, ähnlich der Entwicklung unserer Technik, eine Aufeinanderfolge immer perfekter Problemlösungen hervorbrachte - aber auch die früheren, theoretisch nicht so fortgeschrittenen Lösungen immer weiter perfektionierte. Verglichen mit dem Flugapparat etwa der Fliegen oder Bienen ist jener der Libellen urtümlich. Im Gegensatz zu den "moderneren" Insekten erreicht der Flügelschlag der Libelle nicht einmal die Flügelschlagfrequenz der Kolibris. Trotzdem zählen sie mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h nicht nur zu den schnellsten Insekten, sondern sind auch besonders präzise Flieger.

Text und Bild dieses Buches bilden eine vorbildliche Einheit von Schönheit und Information. Der Film "Mikrokosmos" wurde bereits mehrfach prämiiert. Der Bildband ist ebenfalls einer Auszeichnung würdig.

MIKROKOSMOS - Das Volk in den Gräsern Von Claude Nuridsany und Marie Perennou Verlag Scherz, Bern 1997, 160 Seiten, 166 Farbbilder, geb., öS 292,

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