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Bildung

Ein von Bologna frustrierter Emeritus

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Ungebrochen schreib- und analysefreudig präsentiert sich der emeritierte Philosophie-Professor Reinhard Brandt (74) mit seinem neuen Buch. Der Inhalt löst ein, was der Titel verspricht: kontroversielle Thesen zur Lage der Almae Matres, Polarisierungsgarantie inklusive. Brandt bricht die Lanze für eine, freier Forschung und Lehre verpflichteten, Universität in der Tradition des Humboldt’schen Bildungsideals mit Anleihen bei den Vorsokratikern. Diese Stätten der Weisheit sieht der Autor durch Entwicklungen der vergangenen Jahre gefährdet. Besonders wurmt ihn der Bologna-Reformprozess. Brandt zerpflückt ihn als Auswurf universitätsfremder Bürokraten. Den Bachelor-Abschluss nennt er ein "Zertifikat“. Die Verschulung der Curricula samt Leistungsmessung mittels ECTS-Punktesystem degradiere Universitäten zu Fabriken der Wissensvermittlung. Von europaweiter Vergleichbarkeit der Titel sei keine Rede. Wer zwischen Universitäten wechseln will, "steht vor einer von den neuen Kadern errichteten Verwaltungsmauer.“ Das Anliegen von Bologna, vergleichbare Studienabschlüsse zu kreieren und grenzüberschreitende Mobilität von Akademikern zu erwirken, verkomme zum provinzialistischen Gegenteil.

Brandts Argumente beruhen auf einer begrifflichen Unterscheidung zwischen Wissen und Erkenntnis. Wissen als faktenartiger Kanon kann demnach angewendet, passiv absorbiert und verwaltet werden. Erkenntnis ist hingegen stets auf die Begründung von Behauptungen bezogen. Sie hat prozeduralen Charakter, ist eine schaffende Tätigkeit, deren Wert in ihr selbst liegt. Universitäten versteht Brandt folgerichtig als "Orte der Erkenntnis, die von keinen externen Direktiven abhängen“. Umgekehrt sind es aber auch keine "Wahrheitslabors, die ihre Erkenntnisse kodiert an andere Labors weitergeben.“ Kommunikation nach außen, an die interessierte Öffentlichkeit muss deshalb ein Wesensmerkmal der altehrwürdigen Institution sein und bleiben. Feurig argumentiert Brandt für das Interesse und das Recht der bürgerlichen Zivilgesellschaft auf Universitäten im vorgetragenen Sinn. Die Gesellschaft profitiert von universitärer Erkenntnis, weil letztere sich vernunftgeleitet, statt dem Zeitgeist oder politischen Strömungen verpflichtet, aktueller Probleme annimmt. "Die Zivilgesellschaft braucht eben dieses methodische Können, um ihre Bürger vor den Insinuationen von Parteifunktionären und Pius-Brüdern oder völkischen Stimmungen zu stärken.“ Wer die sonstigen Thesen nicht teilt, findet dennoch in diesen Abschnitten höchst lesenswerte historische und philosophische Analysen.

Wozu noch Universitäten?

Essay von Reinhard Brandt, Meiner 2011

248 Seiten, kartoniert, e 19,50