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Kleine Unterschiede, große Folgen

Was die Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Gehirn bedeuten und wodurch Tests geschlechtergerechter werden könnten, erklärt Neuropsychologe Markus Hausmann.

Wenige Debatten werden so erbittert geführt wie jene um geschlechtsspezifische Unterschiede. Der Neuropsychologe Markus Hausmann beforscht an der Durham University die Zusammenhänge zwischen Gehirn und Geschlecht.

Die Furche: Welche Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Gehirn bestehen konkret?

Markus Hausmann: Ja, etwa bei der Hirngröße, dem Hirngewicht, der Zellanzahl oder der Zelldichte. Manche Unterschiede sind sogar größer als oft angenommen. Darüber hinaus finden sich Geschlechterunterschiede im funktionellen Aufbau spezifischer Hirnareale, in der funktionellen Vernetzung innerhalb eines Hirnareals oder zwischen verschiedenen Hirnarealen. Die Bedeutung dieser Unterschiede für potentielle kognitive Leistungsunterschiede sind in der Regel unklar.

Die Furche: Sind diese Unterschiede angeboren oder erlernt?

Hausmann: Einige dieser Geschlechtsdimorphismen sind ganz klar angeboren, etwa in jenen Hirnarealen, die sexuelles und reproduktives Verhalten regulieren. Für Hirnareale, die eher an kognitiven Leistungen beteiligt sind, ist die Sache weniger klar. Manche Areale scheinen sich pränatal unterschiedlich zu entwickeln.

Die Furche: Ist die Annahme zulässig, dass naturwissenschaftliche Tests Männer begünstigen?

Hausmann: Nur bedingt: Einerseits gibt es spezifische Tests zum räumlichen Vorstellungsvermögen, in denen Männer durchschnittlich besser abschneiden. Andererseits gibt es räumliche Tests, etwa zum Objekt-Orts-Gedächtnis, in denen Frauen im Durchschnitt besser abschneiden. Die Mehrheit der kognitiven Tests weist keine Geschlechterunterschiede auf.

Die Furche: Kommen Tests, die soziale Kompetenzen ermitteln, tatsächlich Frauen zugute?

Hausmann: In punkto Empathie scheinen die Frauen den Männern voraus zu sein. Ob sich solche Befunde auf sämtliche soziale Kompetenzen ausweiten lassen, ist fraglich. Sicher gibt es soziale Kompetenzen, in denen auch Männer gut abschneiden.

Die Furche: Wie könnten Zugangstests geschlechtergerechter gestaltet werden?

Hausmann: Ein Geschlechterunterschied lässt sich teils eliminieren, indem man einzelne Testfragen umformuliert oder die Testinstruktionen ändert. So verbesserte sich die Leistung von Frauen in einem Test über räumliches Vorstellungsvermögen, wenn dieser Test den Probandinnen als Messung der Empathie verkauft wurde. Andere Studien zeigen, dass sich die Leistungen bei Frauen und Männern ändern können, wenn sie wissen, dass kognitive Geschlechterunterschiede getestet werden. Allerdings gehen Männer häufig selbstbewusster an solche Testsituationen heran, wofür es biologische und soziale Erklärungen gibt. Der selbstbewusstere Zugang geht aber nicht zwangsläufig mit einer besseren kognitive Testleistung der Männer einher.

Die Furche: Wie empfinden Sie die wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatte um die vielzitierten Geschlechterunterschiede?

Hausmann: Das gesellschaftliche Bild ist oft entweder vorurteilsbestätigend oder gleichmachend - in beiden Fällen sachlich falsch. Auch in der Wissenschaft treffen häufig zwei Lager aufeinander: Das eine macht vor allem soziale Faktoren verantwortlich, das andere biologische Faktoren. Befunde werden schnell über- und damit fehlinterpretiert. Auch heute noch wird relativ selten interdisziplinär dazu geforscht.

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