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Feuilleton

Amour fou zweier unverwandter Seelen

1945 1960 1980 2000 2020

Filmemacher Wim Wenders sucht in seinem romantischen Thriller "Grenzenlos" zwei aktuelle Menschheitsfragen zusammenzuklammern.

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Filmemacher Wim Wenders sucht in seinem romantischen Thriller "Grenzenlos" zwei aktuelle Menschheitsfragen zusammenzuklammern.

Mag sein, dass - was die öffentliche Aufmerksamkeit betrifft -das Jahr 2018 für Wim Wenders besonders gut läuft. Zumindest ist sein Papstfilm "Ein Mann seines Wortes" im katholischen Publikumssegment in aller Munde. In cineastischer Hinsicht hält das aktuelle Jahr - trotz zweier Wenders-Filme, die ins Kino kamen/kommen - da nicht mit. Nach der mit künstlerischem Anspruch sowieso nicht verbrämten Franziskus-Eloge, die überdies ob der Leni-Riefenstahl-Ästhetik, die Wenders partout nicht draußen lassen konnte (FURCHE 23/2018), zum problematischen Film wurde, gelingt Wenders auch in seinem neuen Spielfilm "Grenzenlos" wenig Überzeugendes. Die Verfilmung des Romans "Submergence"(so auch der englische Filmtitel) von J. L. Ledgard will in Form einer Liebesgeschichte die größten aktuellen Menschheitsprobleme zusammenklammern -und das alte Hero-und-Leander-Motiv ("sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief ") in einer auf heute getrimmten Variation bemühen.

Die Biomathematikerin Danielle "Danny" Flinders (Alicia Vikander) und der britische Wasserbauingenieur James More (James McAvoy) gönnen sich jeweils ein paar ruhige Tage an einem traumhaften Flecken an der Küste der Normandie. Beide sind allein unterwegs -und bald funkt es zwischen ihnen. Eine Amour fou kommt in Gang, obwohl beide kaum etwas voneinander wissen und nach den Tagen am Atlantikstrand in ihre völlig unterschiedlichen Alltage zurückkehren müssen.

Danny ist Mitglied einer Forschungsexpedition und erforscht bei Grönland den Meeresgrund, um anhand der dort vorfindlichen Bakterien eine Theorie über den Ursprung des Lebens zu verifizieren. Das Tiefsee-U--Boot Nautilus, mit dem Danny meilenweit unter der Wasseroberfläche herumtaucht, ist europaweit das einzige -wenn in der Tiefe ein technisches Problem auftaucht, gibt es keine Vorrichtung, die das Boot retten könnte.

Suche nach dem Leben -Bekämpfung des Todes

James hingegen schlägt sich in den heißesten Gegenden auf dem Globus herum. Er ist vorgeblich Berater einer NGO, um den darbenden Somalis beim Brunnenbau zu helfen; tatsächlich werkt er als Agent des MI6, der einer islamistischen Terrorzelle auf die Schliche kommen und Anschläge in Europa hintanhalten soll.

Obwohl Danny und James verabredet haben, per Handy Kontakt zu halten, reißt dieser zu James bald ab. Denn der Geheimdienstler gerät am Horn von Afrika in Gefangenschaft islamistischer Warlords - ob er seine Mission wird erfüllen können, scheint mehr als ungewiss. Dieser Plot -Suche nach dem Leben hier, Bekämpfung des Todes dort -eignet sich kaum für ein romantisch grundiertes Setting. Doch genau dieses hat Wim Wenders im Blick -und zwar nicht nur in der kurzen Vereinigung der beiden, sondern auch in der langen Zeit der Trennung. Aber die Einsamkeit des Gefangenen am Äquator und der Tiefseetaucherin im arktischen Eismeer haben trotz betörend penetranter Filmmusik wenig miteinander zu tun. Und der - pädagogische? - Impetus, die heutigen Menschheitsfragen (Terrorismus und Zerstörung des Lebens mittels Umweltvernachlässigung) durch einen gar sanften Thriller zu thematisieren, geht nicht wirklich auf. Wim Wenders ist halt kein Action-Meister. Hier wäre er besser ein solcher gewesen.

Grenzenlos (Submergence) D/USA/F/E 2017. Regie: Wim Wenders. Mit Alicia Vikander, James McAvoy. Filmladen. 112 Min.