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Feuilleton

Das Verstehen kommt im Gespräch

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Zum Tod des Philosophen Hans-Georg Gadamer, der mit zunehmendem Alter vom Professor zum Weisen wurde.

Einen Menschen verstehen zu wollen, bringt uns an die Grenze des Verstehens. Der Andere wird immer der Andere bleiben - würden wir ihn bloß als Teil von uns selbst verstehen, hätten wir ihn nicht verstanden. So stehen wir an einer Grenze. Diese Grenze soll nicht mutlos machen, zu einem Sich-Abwenden führen oder in Resignation enden - nein, diese Grenze soll einladen zu einem andauernden Bemühen um den Anderen. So wollte es Hans-Georg Gadamer.

Der Philosoph ist am 14. März im Alter von 102 Jahren in Heidelberg gestorben. Er war einer der letzten Vertreter eines Ideals humanistischer Bildung, eines Ideals intellektueller Redlichkeit, eines Ideals professoraler Existenz, die sich nicht in Geltungszwänge und Nutzenkalküle drängen lässt: "Philosophie", so schrieb er im hohen Alter, "bedeutet theoretische Interessen verfolgen, meint ein Leben, das die Fragen nach der Wahrheit und nach dem Guten so stellt, dass dabei weder auf den eigenen Gewinn noch auf den öffentlichen Nutzen reflektiert wird." Philosophie war ihm ein Suchen nach der Wahrheit, Wissenschaft ein Instrument der Aufklärung, Bildung ein Gespräch mit der Tradition. Das Gespräch mit der Tradition bewahrt davor, sich selbst oder Zeitgenossen maßlos zu überschätzen. Das nötige Maß der Einschätzung gibt die Einordnung in die Geistesgeschichte. So können Dinge gewichtet, Ereignisse eingebettet, Ideen bewertet, Zusammenhänge verstanden werden.

Gadamer selbst, der ein hohes Alter mit erstaunlicher geistiger Kraft erleben durfte, hatte viele Gelegenheiten, diese geschichtliche Einordnung zu leisten. Die letzten 30 Jahre seines Lebens trat er als intellektuelle Autorität auf, die Dingen durch ihr Urteil ihr Gewicht gab. Eine Gnade des Alters, die bei Gadamer besonders deutlich wurde, ist die Möglichkeit, Distanz zu sich selbst und seinem eigenen Leben zu gewinnen. So verstand sich Gadamer, der Schüler und Bewunderer Martin Heideggers, der Verehrer Kants, der Kenner der griechischen Antike, denn auch als Glied einer langen Kette. Diese Bildung bewahrte ihn stets davor, dünkelhaft zu werden. Mit zunehmendem Alter wurde er zusehends vom Deuter zum Zeugen, vom Professor zum Weisen. "Nichts an einem alten Mann ist ja so originell, wie noch Zeitgenosse zu sein und gleichwohl Männern wie Gerhart Hauptmann und Stefan George, Paul Natorp und Rabindranath Tagore, Husserl und Cassirer leibhaft begegnet zu sein". Und diese Begegnungen blieben bei Gadamer nicht bloß Erinnerungen, sondern Deutungshilfen für die Gegenwart.

In einem Vortrag fragte Gadamer mit Hofmannsthal: "Was hilft es, viel gesehen zu haben?" Tatsächlich: es hilft nicht viel, wenn das Vergangene nicht verstanden würde und wenn es gleichgültig für das Gegenwärtige wäre. Gadamer wollte verstehen: sich, die anderen, die Vergangenheit, die Gegenwart. Seine Autorität der letzten Jahre war nicht nur jene des Alters, sondern die Autorität des redlichen Intellektuellen, der alt geworden war - und damit jenseits jener Schwelle stand, in der es um kurzlebige Diskussionen, die Befriedigung von Ambitionen oder philosophische Modeströmungen geht.

Lebendiger Dialog

Gadamer hat Bleibendes hinterlassen - in schon zur Entstehungszeit beinahe altmodisch anmutender Manier. Im Alter von 60 Jahren veröffentlichte er sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode", mit dem er zum Begründer der philosophischen Hermeneutik wurde. Hier arbeitete er eine breite geistesgeschichtliche Tradition ein, hier stellte er die Frage: "Wie ist Verstehen überhaupt möglich?". Bis Gadamer war die Hermeneutik als eine Kunstlehre, die Lehre von der Kunst der Auslegung und damit ein Gegenstück zur Rhetorik. Durch Gadamer vollzog sich der große Schritt von einer Regelsammlung zu Auslegungszwecken hin zu einer allgemeinen Theorie des Verstehens. Das Verstehen hat Gadamer als ein Gespräch verstanden: Ein Text setzt unser Fragen in Gang und durch unser Fragen bringen wir einen Text zum Reden. Das Verstehen von Texten ist dadurch möglich, dass sich Autor und Leser im selben geschichtlichen und sprachlich verfassten Horizont befinden und gemeinsame Anliegen teilen. Das Leben in einer gemeinsamen Welt ermöglicht einen lebendigen Dialog über die Jahrtausende, aber auch über die sozialen und kulturellen Unterschiede hinweg: "Das, was die Gesellschaft im Grunde zusammenhält, ist dieses Gespräch selbst", sagte der hundertjährige Gadamer in einem Interview.

Dieses Gespräch hat Gadamer mit Philosophen und Dichtern, Wissenschaftern und Künstlern und der öffentlichen Welt geführt. Platon, Kant, Heidegger, Hölderlin, George, Rilke, Domin, Celan zählten zu seinen wichtigsten Gesprächspartnern, um deren Verständnis er sich bemühte. Berühmt geworden sind Gadamers Gedichtinterpretationen, die er als Philosoph und ohne literaturwissenschaftliches Rüstzeug vornahm. Das Gespräch legte Gadamer auch den kommenden Generationen ans Herz: das "Erbe Europas" sei die durch das Gespräch gepflegte und im Gespräch erarbeitete Toleranz. Das gelte auch für die Religion. Das religiöse Gefühl war für Gadamer "eine für uns unumgängliche Frage, eine Hoffnung vielleicht, vielmehr eine Aufgabe, die uns alle in unserem gegenseitigen Verstehen einigt". So stehen wir auch im Angesicht des Todes, geeint durch dessen Unumgänglichkeit, im Gespräch miteinander - und über seinen Tod hinaus im Gespräch mit dem Doyen der deutschsprachigen Philosophie, Hans-Georg Gadamer.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.

Zum Tod des Philosophen Hans-Georg Gadamer, der mit zunehmendem Alter vom Professor zum Weisen wurde.

Einen Menschen verstehen zu wollen, bringt uns an die Grenze des Verstehens. Der Andere wird immer der Andere bleiben - würden wir ihn bloß als Teil von uns selbst verstehen, hätten wir ihn nicht verstanden. So stehen wir an einer Grenze. Diese Grenze soll nicht mutlos machen, zu einem Sich-Abwenden führen oder in Resignation enden - nein, diese Grenze soll einladen zu einem andauernden Bemühen um den Anderen. So wollte es Hans-Georg Gadamer.

Der Philosoph ist am 14. März im Alter von 102 Jahren in Heidelberg gestorben. Er war einer der letzten Vertreter eines Ideals humanistischer Bildung, eines Ideals intellektueller Redlichkeit, eines Ideals professoraler Existenz, die sich nicht in Geltungszwänge und Nutzenkalküle drängen lässt: "Philosophie", so schrieb er im hohen Alter, "bedeutet theoretische Interessen verfolgen, meint ein Leben, das die Fragen nach der Wahrheit und nach dem Guten so stellt, dass dabei weder auf den eigenen Gewinn noch auf den öffentlichen Nutzen reflektiert wird." Philosophie war ihm ein Suchen nach der Wahrheit, Wissenschaft ein Instrument der Aufklärung, Bildung ein Gespräch mit der Tradition. Das Gespräch mit der Tradition bewahrt davor, sich selbst oder Zeitgenossen maßlos zu überschätzen. Das nötige Maß der Einschätzung gibt die Einordnung in die Geistesgeschichte. So können Dinge gewichtet, Ereignisse eingebettet, Ideen bewertet, Zusammenhänge verstanden werden.

Gadamer selbst, der ein hohes Alter mit erstaunlicher geistiger Kraft erleben durfte, hatte viele Gelegenheiten, diese geschichtliche Einordnung zu leisten. Die letzten 30 Jahre seines Lebens trat er als intellektuelle Autorität auf, die Dingen durch ihr Urteil ihr Gewicht gab. Eine Gnade des Alters, die bei Gadamer besonders deutlich wurde, ist die Möglichkeit, Distanz zu sich selbst und seinem eigenen Leben zu gewinnen. So verstand sich Gadamer, der Schüler und Bewunderer Martin Heideggers, der Verehrer Kants, der Kenner der griechischen Antike, denn auch als Glied einer langen Kette. Diese Bildung bewahrte ihn stets davor, dünkelhaft zu werden. Mit zunehmendem Alter wurde er zusehends vom Deuter zum Zeugen, vom Professor zum Weisen. "Nichts an einem alten Mann ist ja so originell, wie noch Zeitgenosse zu sein und gleichwohl Männern wie Gerhart Hauptmann und Stefan George, Paul Natorp und Rabindranath Tagore, Husserl und Cassirer leibhaft begegnet zu sein". Und diese Begegnungen blieben bei Gadamer nicht bloß Erinnerungen, sondern Deutungshilfen für die Gegenwart.

In einem Vortrag fragte Gadamer mit Hofmannsthal: "Was hilft es, viel gesehen zu haben?" Tatsächlich: es hilft nicht viel, wenn das Vergangene nicht verstanden würde und wenn es gleichgültig für das Gegenwärtige wäre. Gadamer wollte verstehen: sich, die anderen, die Vergangenheit, die Gegenwart. Seine Autorität der letzten Jahre war nicht nur jene des Alters, sondern die Autorität des redlichen Intellektuellen, der alt geworden war - und damit jenseits jener Schwelle stand, in der es um kurzlebige Diskussionen, die Befriedigung von Ambitionen oder philosophische Modeströmungen geht.

Lebendiger Dialog

Gadamer hat Bleibendes hinterlassen - in schon zur Entstehungszeit beinahe altmodisch anmutender Manier. Im Alter von 60 Jahren veröffentlichte er sein Hauptwerk "Wahrheit und Methode", mit dem er zum Begründer der philosophischen Hermeneutik wurde. Hier arbeitete er eine breite geistesgeschichtliche Tradition ein, hier stellte er die Frage: "Wie ist Verstehen überhaupt möglich?". Bis Gadamer war die Hermeneutik als eine Kunstlehre, die Lehre von der Kunst der Auslegung und damit ein Gegenstück zur Rhetorik. Durch Gadamer vollzog sich der große Schritt von einer Regelsammlung zu Auslegungszwecken hin zu einer allgemeinen Theorie des Verstehens. Das Verstehen hat Gadamer als ein Gespräch verstanden: Ein Text setzt unser Fragen in Gang und durch unser Fragen bringen wir einen Text zum Reden. Das Verstehen von Texten ist dadurch möglich, dass sich Autor und Leser im selben geschichtlichen und sprachlich verfassten Horizont befinden und gemeinsame Anliegen teilen. Das Leben in einer gemeinsamen Welt ermöglicht einen lebendigen Dialog über die Jahrtausende, aber auch über die sozialen und kulturellen Unterschiede hinweg: "Das, was die Gesellschaft im Grunde zusammenhält, ist dieses Gespräch selbst", sagte der hundertjährige Gadamer in einem Interview.

Dieses Gespräch hat Gadamer mit Philosophen und Dichtern, Wissenschaftern und Künstlern und der öffentlichen Welt geführt. Platon, Kant, Heidegger, Hölderlin, George, Rilke, Domin, Celan zählten zu seinen wichtigsten Gesprächspartnern, um deren Verständnis er sich bemühte. Berühmt geworden sind Gadamers Gedichtinterpretationen, die er als Philosoph und ohne literaturwissenschaftliches Rüstzeug vornahm. Das Gespräch legte Gadamer auch den kommenden Generationen ans Herz: das "Erbe Europas" sei die durch das Gespräch gepflegte und im Gespräch erarbeitete Toleranz. Das gelte auch für die Religion. Das religiöse Gefühl war für Gadamer "eine für uns unumgängliche Frage, eine Hoffnung vielleicht, vielmehr eine Aufgabe, die uns alle in unserem gegenseitigen Verstehen einigt". So stehen wir auch im Angesicht des Todes, geeint durch dessen Unumgänglichkeit, im Gespräch miteinander - und über seinen Tod hinaus im Gespräch mit dem Doyen der deutschsprachigen Philosophie, Hans-Georg Gadamer.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg.