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Feuilleton

Der Kult um die Phantasie-Fabrik

1945 1960 1980 2000 2020
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Was vor mehr als 80 Jahren mit Holzspielzeug begann, begeistert längst auch Erwachsene: Die bunte Lego-Welt ist kulturell wirkmächtig geworden. Mit "The Lego Movie“ startet der bislang erfolgreichste Film des Jahres nun auch in Österreich.

Im Internet wimmelt es von Kurzfilmen, in denen die Kulisse aus Legosteinen besteht und Legofiguren die Hauptrolle spielen. Auf Youtube werden diese sogenannten Brickfilme millionenfach angeklickt. Die Bandbreite reicht von dilettantischen kleinen Filmchen bis zu aufwändigen, professionell anmutenden Produktionen. Es gibt nachdenkliche, inhaltlich anspruchsvolle Filme, die auf eigenen Festivals gezeigt werden, und es gibt witzige und actionreiche Streifen, die rein der Unterhaltung dienen. Besonders beliebt ist der "Star Wars“-Stoff. Es gibt ganze Neuverfilmungen der bislang sechs Episoden des modernen Epos mit Lego-Figuren und zahllose eigenständige Variationen im Lego-Style.

Brickfilm der Extraklasse

Dieser filmische Kult um das bunte Plastikspielzeug hat nun Hollywood erreicht. Diese Woche läuft in den österreichischen Kinos "The Lego Movie“ an. Dieser Brickfilm der Extraklasse hat in den ersten zwei Monaten nach seiner Premiere weltweit über 400 Millionen Dollar eingespielt und ist damit der bislang erfolgreichste Film des Jahres. Spätestens jetzt wird deutlich, dass Lego nicht nur ein Kinderspielzeug ist, sondern dass sich die bunten Bausteine und die 42 Millimeter hohen Figuren mit der ungesunden gelben Gesichtsfarbe zu einem wahren Kulturphänomen entwickelt haben. Schätzungen zufolge landen bis zu 20 Prozent der verkauften Lego-Sets nicht in Kinderzimmern, sondern werden von erwachsenen Männern für sich selbst erworben.

Als die Firma Lego vor zwei Jahren ihr 80-jähriges Bestehen feierte, besaß jeder Mensch auf der Erde rein statistisch über 80 Legosteine. Heute sind es wohl ein paar mehr. Das dänische Unternehmen wurde 1932 zur Herstellung von Holzspielzeug gegründet. Der Name ist die Abkürzung für "leg godt“, was im Dänischen "spiel gut“ heißt. 1949 verkaufte Lego erstmals Kunststoffsteine, die den heutigen Steinen mit ihren charakteristischen Noppen bereits ähnelten, jedoch vollkommen hohl waren, so dass die Konstruktionen nicht sehr stabil waren. 1958 wurden in die Unterseite der Steine hohle Röhren integriert, damit die Bausteine fest aneinander befestigt werden konnten. Ihre endgültige Grundform erhielten die Steine 1963, so dass heutige Legosteine trotz aller Änderungen noch immer mit den Steinen aus jenem Jahr kompatibel sind.

Anfangs gab es nur wenige Arten von Legobausteinen, aus denen mit Hilfe von Anleitungen verschiedenste Objekte errichtet werden konnten. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Spezialteile dazu: zuerst Platten und Schrägdachteile, dann Räder, Scharniere, Fenster, Türen, Bausteine, Verkehrsschilder, Bäume. 1974 wurden die ersten kleinen, noch unbeweglichen und gesichtslosen Figuren produziert, vier Jahre später die noch heute üblichen "Minifigs“ mit Gesicht, beweglichen Armen, Beinen und Greifhänden.

Neue Baupläne im Internet

In den Jahren darauf wurde die Palette der Bauteile immer weiter ausdifferenziert, so dass die Kreativität zusehends auf der Strecke blieb. Beim Umgang mit Lego gibt es zwei Grundprinzipien: Entweder man befolgt die Bauanleitung und baut ein Auto, ein Raumschiff oder eine Polizeistation. Oder man lässt seiner Phantasie freien Lauf und erbaut aus den vorhandenen Legosteinen ganz neue Welten. Die Möglichkeiten sind praktisch unendlich: Allein sechs ganz gewöhnliche 4x2-Bausteinen lassen sich auf 915.103.765 verschiedene Weisen kombinieren.

Die Handlung von "The Lego Movie“ bringt den Gegensatz dieser beiden Philosophien auf den Punkt: Präsident Business, der Herrscher über das Lego-Universum, möchte erreichen, dass alles nur noch auf den von ihm herausgegebenen Bauleitungen beruht. Dagegen wehrt sich eine bunte Gruppe von Widerstandskämpfern, deren Mitglieder aus beliebigen Teilen meisterhaft die ausgefallensten Kreationen schaffen. Es gelingt ihnen schließlich zu verhindern, dass der Bösewicht das Lego-Universum mit Hilfe von Klebstoff für immer fixiert.

In dem erstaunlich kapitalismuskritischen Film obsiegt die Phantasie, in der Realität jedoch bekam bei Lego zunächst Präsident Business die Oberhand. Aufgrund schwerer Managementfehler stand das Unternehmen 2004 vor dem Konkurs. In der "New Economy“ der 1990er-Jahre wurde auf Teufel komm raus darauf gesetzt, neue Märkte zu erschließen. Statt auf Bausteine konzentrierte sich das Unternehmen auf Kleidung, Uhren oder Computerspiele. Die Bausätze jener Zeit bestanden fast nur noch aus individuell geformten Teilen, mit denen man nichts anderes mehr machen konnte, als sie gemäß der Bauanleitung zusammenzusetzen.

Den Umschwung brachte der neue Lego-Chef Jørgen Vig Knudstorp, der das Unternehmen noch heute leitet. Zurück zum Kerngeschäft, lautete sein Motto. Die Zahl der verschiedenen Legosteine wurde von über 14.000 auf weniger als die Hälfte reduziert, ein Lego-Set besteht heute zu 70 Prozent aus Standardteilen. Und Knudstorp führte eine neue Regel ein: Wer ein neues Modell erfindet, muss dafür Steine verwenden, die es schon gibt. Das gilt für die Lego-Designer genauso wie für Lego-begeisterte Privatleute.

Denn weltweit gibt es eine auf 50.000 Personen geschätzte Szene aktiver Lego-Fans, die mittlerweile sogar Einfluss auf die Produktpalette haben. Diese Nerds tauschen sich in Internet-Foren aus, entwerfen neue Baupläne und laden diese im Internet hoch (lego.cuusoo.com). Findet ein Entwurf genügend Unterstützer, so wird er von Lego tatsächlich auf den Markt gebracht und der Erfinder erhält ein Prozent des Gewinns.

Daneben gibt es eine noch größere Gruppe von Erwachsenen - praktisch nur Männer -, die einfach gerne mit Lego bauen. "The Lego Movie“ spielt auf deren Praxis an, ihre oft monumentalen Bauten mit Klebstoff zu fixieren, um zu verhindern, dass sich ihre Kinder an Papas Spielzeug vergreifen. Es sind dies die Nachfolger jener beinahe ausgestorbenen Spezies, die in ihren Hobbykellern riesige Modelleisenbahnanlagen errichtete.

Im Bann der Gender-Debatte

Welchen kulturellen Rang Lego mittlerweile innehat, wird dadurch belegt, dass die Firma sogar in die unselige Gender-Debatte hineingezogen wurde. Im Februar sorgte in den sozialen Netzwerken der Brief eines siebenjährigen Mädchens für Furore, das sich über Geschlechterstereotypen im Sortiment beschwerte: "Die Lego-Mädchen saßen immer nur zu Hause, gingen zum Strand oder zum Shoppen und hatten keine Jobs. Aber die Jungen erlebten Abenteuer, arbeiteten, retteten Menschen oder schwammen sogar mit Haien. Ich will, dass ihr mehr Lego-Mädchen schafft und sie Abenteuer erleben und Spaß haben lasst, ok!?!“

Dabei ist die Lösung in diesem Fall so einfach: Man setze den Kopf einer weiblichen Figur - ob Hermine aus "Harry Potter“, Prinzessin Leia aus "Star Wars“ oder eine namenlose Dame - einfach auf einen beliebigen Körper. Schade, dass dem Mädchen niemand gesagt hat, dass es bei Lego eben nicht auf das Vorgegebene ankommt, sondern auf die Phantasie.

The LEGO Movie

USA 2014. Regie: Phil Lord, Chris Miller. Warner. 100 Min.

Was vor mehr als 80 Jahren mit Holzspielzeug begann, begeistert längst auch Erwachsene: Die bunte Lego-Welt ist kulturell wirkmächtig geworden. Mit "The Lego Movie“ startet der bislang erfolgreichste Film des Jahres nun auch in Österreich.

Im Internet wimmelt es von Kurzfilmen, in denen die Kulisse aus Legosteinen besteht und Legofiguren die Hauptrolle spielen. Auf Youtube werden diese sogenannten Brickfilme millionenfach angeklickt. Die Bandbreite reicht von dilettantischen kleinen Filmchen bis zu aufwändigen, professionell anmutenden Produktionen. Es gibt nachdenkliche, inhaltlich anspruchsvolle Filme, die auf eigenen Festivals gezeigt werden, und es gibt witzige und actionreiche Streifen, die rein der Unterhaltung dienen. Besonders beliebt ist der "Star Wars“-Stoff. Es gibt ganze Neuverfilmungen der bislang sechs Episoden des modernen Epos mit Lego-Figuren und zahllose eigenständige Variationen im Lego-Style.

Brickfilm der Extraklasse

Dieser filmische Kult um das bunte Plastikspielzeug hat nun Hollywood erreicht. Diese Woche läuft in den österreichischen Kinos "The Lego Movie“ an. Dieser Brickfilm der Extraklasse hat in den ersten zwei Monaten nach seiner Premiere weltweit über 400 Millionen Dollar eingespielt und ist damit der bislang erfolgreichste Film des Jahres. Spätestens jetzt wird deutlich, dass Lego nicht nur ein Kinderspielzeug ist, sondern dass sich die bunten Bausteine und die 42 Millimeter hohen Figuren mit der ungesunden gelben Gesichtsfarbe zu einem wahren Kulturphänomen entwickelt haben. Schätzungen zufolge landen bis zu 20 Prozent der verkauften Lego-Sets nicht in Kinderzimmern, sondern werden von erwachsenen Männern für sich selbst erworben.

Als die Firma Lego vor zwei Jahren ihr 80-jähriges Bestehen feierte, besaß jeder Mensch auf der Erde rein statistisch über 80 Legosteine. Heute sind es wohl ein paar mehr. Das dänische Unternehmen wurde 1932 zur Herstellung von Holzspielzeug gegründet. Der Name ist die Abkürzung für "leg godt“, was im Dänischen "spiel gut“ heißt. 1949 verkaufte Lego erstmals Kunststoffsteine, die den heutigen Steinen mit ihren charakteristischen Noppen bereits ähnelten, jedoch vollkommen hohl waren, so dass die Konstruktionen nicht sehr stabil waren. 1958 wurden in die Unterseite der Steine hohle Röhren integriert, damit die Bausteine fest aneinander befestigt werden konnten. Ihre endgültige Grundform erhielten die Steine 1963, so dass heutige Legosteine trotz aller Änderungen noch immer mit den Steinen aus jenem Jahr kompatibel sind.

Anfangs gab es nur wenige Arten von Legobausteinen, aus denen mit Hilfe von Anleitungen verschiedenste Objekte errichtet werden konnten. Im Lauf der Zeit kamen immer mehr Spezialteile dazu: zuerst Platten und Schrägdachteile, dann Räder, Scharniere, Fenster, Türen, Bausteine, Verkehrsschilder, Bäume. 1974 wurden die ersten kleinen, noch unbeweglichen und gesichtslosen Figuren produziert, vier Jahre später die noch heute üblichen "Minifigs“ mit Gesicht, beweglichen Armen, Beinen und Greifhänden.

Neue Baupläne im Internet

In den Jahren darauf wurde die Palette der Bauteile immer weiter ausdifferenziert, so dass die Kreativität zusehends auf der Strecke blieb. Beim Umgang mit Lego gibt es zwei Grundprinzipien: Entweder man befolgt die Bauanleitung und baut ein Auto, ein Raumschiff oder eine Polizeistation. Oder man lässt seiner Phantasie freien Lauf und erbaut aus den vorhandenen Legosteinen ganz neue Welten. Die Möglichkeiten sind praktisch unendlich: Allein sechs ganz gewöhnliche 4x2-Bausteinen lassen sich auf 915.103.765 verschiedene Weisen kombinieren.

Die Handlung von "The Lego Movie“ bringt den Gegensatz dieser beiden Philosophien auf den Punkt: Präsident Business, der Herrscher über das Lego-Universum, möchte erreichen, dass alles nur noch auf den von ihm herausgegebenen Bauleitungen beruht. Dagegen wehrt sich eine bunte Gruppe von Widerstandskämpfern, deren Mitglieder aus beliebigen Teilen meisterhaft die ausgefallensten Kreationen schaffen. Es gelingt ihnen schließlich zu verhindern, dass der Bösewicht das Lego-Universum mit Hilfe von Klebstoff für immer fixiert.

In dem erstaunlich kapitalismuskritischen Film obsiegt die Phantasie, in der Realität jedoch bekam bei Lego zunächst Präsident Business die Oberhand. Aufgrund schwerer Managementfehler stand das Unternehmen 2004 vor dem Konkurs. In der "New Economy“ der 1990er-Jahre wurde auf Teufel komm raus darauf gesetzt, neue Märkte zu erschließen. Statt auf Bausteine konzentrierte sich das Unternehmen auf Kleidung, Uhren oder Computerspiele. Die Bausätze jener Zeit bestanden fast nur noch aus individuell geformten Teilen, mit denen man nichts anderes mehr machen konnte, als sie gemäß der Bauanleitung zusammenzusetzen.

Den Umschwung brachte der neue Lego-Chef Jørgen Vig Knudstorp, der das Unternehmen noch heute leitet. Zurück zum Kerngeschäft, lautete sein Motto. Die Zahl der verschiedenen Legosteine wurde von über 14.000 auf weniger als die Hälfte reduziert, ein Lego-Set besteht heute zu 70 Prozent aus Standardteilen. Und Knudstorp führte eine neue Regel ein: Wer ein neues Modell erfindet, muss dafür Steine verwenden, die es schon gibt. Das gilt für die Lego-Designer genauso wie für Lego-begeisterte Privatleute.

Denn weltweit gibt es eine auf 50.000 Personen geschätzte Szene aktiver Lego-Fans, die mittlerweile sogar Einfluss auf die Produktpalette haben. Diese Nerds tauschen sich in Internet-Foren aus, entwerfen neue Baupläne und laden diese im Internet hoch (lego.cuusoo.com). Findet ein Entwurf genügend Unterstützer, so wird er von Lego tatsächlich auf den Markt gebracht und der Erfinder erhält ein Prozent des Gewinns.

Daneben gibt es eine noch größere Gruppe von Erwachsenen - praktisch nur Männer -, die einfach gerne mit Lego bauen. "The Lego Movie“ spielt auf deren Praxis an, ihre oft monumentalen Bauten mit Klebstoff zu fixieren, um zu verhindern, dass sich ihre Kinder an Papas Spielzeug vergreifen. Es sind dies die Nachfolger jener beinahe ausgestorbenen Spezies, die in ihren Hobbykellern riesige Modelleisenbahnanlagen errichtete.

Im Bann der Gender-Debatte

Welchen kulturellen Rang Lego mittlerweile innehat, wird dadurch belegt, dass die Firma sogar in die unselige Gender-Debatte hineingezogen wurde. Im Februar sorgte in den sozialen Netzwerken der Brief eines siebenjährigen Mädchens für Furore, das sich über Geschlechterstereotypen im Sortiment beschwerte: "Die Lego-Mädchen saßen immer nur zu Hause, gingen zum Strand oder zum Shoppen und hatten keine Jobs. Aber die Jungen erlebten Abenteuer, arbeiteten, retteten Menschen oder schwammen sogar mit Haien. Ich will, dass ihr mehr Lego-Mädchen schafft und sie Abenteuer erleben und Spaß haben lasst, ok!?!“

Dabei ist die Lösung in diesem Fall so einfach: Man setze den Kopf einer weiblichen Figur - ob Hermine aus "Harry Potter“, Prinzessin Leia aus "Star Wars“ oder eine namenlose Dame - einfach auf einen beliebigen Körper. Schade, dass dem Mädchen niemand gesagt hat, dass es bei Lego eben nicht auf das Vorgegebene ankommt, sondern auf die Phantasie.

The LEGO Movie

USA 2014. Regie: Phil Lord, Chris Miller. Warner. 100 Min.