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Feuilleton

Der radikalste Antikriegsroman

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Am 10. November 1928 begann die Berliner Vossische Zeitung mit dem Vorabdruck von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues", im selben Jahr erschien Ludwig Renns Roman "Krieg". Das war der Auftakt der neuartigen Frontromane in Deutschland. War in den Kriegsbüchern bis dahin "der Krieg immer etwas 'Außergewöhnliches'", wird er nun etwas "ungeheuer Gewöhnliches", schreibt Joseph Roth über Siegfried Kracauers ebenfalls 1928 anonym erschienenen Roman "Ginster". Und 1928 legte auch Rudolf Geist mit "Der anonyme Krieg" einen österreichischen Antikriegsroman vor, der mit aufgerissener Syntax und schriller Bildsprache den Kriegswahnsinn fassbar zu machen versucht.

Zentralfigur ist der Wiener Rüstungsindustrielle Wilhelm Cäsar Boß, kurz W.C.B. genannt. Das erinnert nicht zufällig an die für die offizielle Kriegsberichterstattung zuständige Nachrichtenagentur WTB - Wolffs Telegraphisches Büro. Boß verdient prächtig, nicht zuletzt dank der Idee seines Ingenieurs Sulcer, Material sparende Blindbomben darunter zu mischen, um nicht nur am Kriegsgeschehen zu verdienen, sondern es zugleich im Interesse der Gewinnmargen zu unterlaufen. Sulcer ist der sachliche Ingenieurtypus, allfällige moralische Bedenken weist er schroff zurück: "Ob wir Akkumulatoren und autogenische Schweißapparate erzeugen oder Gasgranaten und Fliegerbomben, das spielt auf dem Warenmarkt keine Rolle."

Frontberichte voller Sarkasmus

Boß ist ein cholerischer Borderliner mit sentimentalen Anwandlungen. Er leidet unter dem Hass seines Sohnes Franz. Der verflucht seinen Vater in langen Briefen, die zu den stärksten Antikriegspamphleten der Zeit zählen. Eines Tages meldet sich Franz dann freiwillig und kommt an die Isonzo-Front, wo die neuen, hochgiftigen W.C.B.-Bomben - auch sie nur zum Teil gefüllt - erstmals eingesetzt werden. Boß reist hin, um ihre Effektivität zu beobachten, bleibt allerdings in der Etappe, wo die Frontbordelle stehen, die Chargen gut essen und viel trinken. Am Vorabend des großen Gemetzels zeigt Geist die Produkte der Kriegsdichter im Praxistest. Gedichte von "Gerhart Hauptmann, Lissauer, Ganghofer, Petzold, Kernstock, Kerr, Dehmel und anderen geistigen Bomben" werden den Soldaten zur Aufmunterung vorgelesen. Via Fernrohr beobachtet Boß dann das Spektakel und sieht, wie sein Sohn zerfetzt wird. Im Schlusswort nennt Geist sein Buch einen "real-psychologischen Ereignis-und Höllenbericht" und fügt eine Hommage an Karl Kraus an. Doch es sind gerade Geists Frontberichte voller Sarkasmus und George Grosz'scher Überzeichnung, die seine Einzigartigkeit zeigen. Was Kraus bewusst plakativ kompiliert, spitzt Geist mit dem Messer seiner Groteske ins Schmerzhaft-Radikale zu.

Kraus nahm von Geists Roman durchaus Kenntnis, allerdings nur in einer seiner peniblen Auflistungen aller Erwähnungen seines Namens; an einem Mitbewerber war Kraus nicht interessiert. Seine Monopolstellung als Pazifist der ersten Stunde war - und blieb es bis heute - mit dem Erfolg seiner "Letzten Tage der Menschheit" einzementiert.