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Feuilleton

Der Vordenker der Demokratie

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Seine politischen Überlegungen wirken bis heute in den einschlägigen Debatten nach: Zum 150. Todestag des französischen Historikers und Publizisten Alexis de Tocqueville.

"Der Sieg der Demokratie ist unaufhaltsam": Zu dieser Erkenntnis kam Alexis de Tocqueville während einer Studienreise durch die Vereinigten Staaten. In seinem Hauptwerk "Über die Demokratie in Amerika" spricht er von einer "exklusiven Gesellschaftsform der Moderne", die nicht mehr rückgängig gemacht werden könne. Als wichtigste Eigenschaft der Demokratie bezeichnete der französische Adelige die "Gleichheit der Bedingungen".

In seinen Überlegungen zur Demokratie nimmt Tocqueville Gedanken vorweg, die heute die aktuelle politische Diskussion beherrschen. Es sind dies folgende Fragen: Wie ist das Verhältnis von individueller Lebensführung und Gemeinsinn? Welche Rolle spielt die Verantwortung in einer demokratischen Gesellschaft? Wie kann der ausufernde Bürokratismus zurückgedrängt werden? Durch diese Überlegungen avancierte Tocqueville zu einem frühen Theoretiker, aber auch bereits zum Kritiker der Demokratie.

Gegner der Französischen Revolution

Geboren wurde Alexis de Tocqueville am 29. Juli 1805 in der Normandie als Sohn einer adeligen Familie. Seine Eltern konnten dem Terror der Französischen Revolution nur knapp entkommen. Dies war ein wesentlicher Grund, warum Tocqueville die revolutionären Kräfte in Frankreich ablehnte und sich für die Demokratie in Amerika interessierte. In Paris studierte er Rechtswissenschaften und wurde danach Hilfsrichter in Versailles. Die beengten Verhältnisse eines subalternen Beamten befriedigten den Adeligen keineswegs. So nützte er die Gelegenheit, für das Justizministerium eine Studienreise in die Vereinigten Staaten zu unternehmen. Schon lange vor der Reise hatte Tocqueville eingehende Amerikastudien betrieben. Er setzte sich intensiv mit den politischen und sozialen Fragen auseinander und befasste sich auch mit der Alltagskultur, mit den Bräuchen, Sitten, Gewohnheiten und Lebensformen der Menschen und den damit korrespondierenden Denkweisen.

Während der neuneinhalb Monate dauernden Reise durch die Vereinigten Staaten, die er mit seinem Freund Gustave de Beaumont unternahm, sammelte er umfassendes Material über die amerikanische Demokratie. "Ich habe dort ein Bild der Demokratie selbst, ihres Strebens, ihres Wesens, ihrer Vorurteile, ihrer Leidenschaften gesucht", notierte er, "was von ihr zu erhoffen und zu befürchten ist."

Das Ergebnis seiner Studien publizierte Tocqueville 1835 und 1840 in seinem umfangreichen Werk "Über die Demokratie in Amerika". Das Buch machte ihn schlagartig berühmt und trug ihm die Anerkennung der wissenschaftlichen Fachwelt ein. Im Einführungskapitel schildert Tocqueville die Ausgangslage für die Entwicklung der amerikanischen Demokratie: In der Wildnis fanden die europäischen Einwanderer "die noch leere Wiege einer großen Nation". Hier ergab sich die Möglichkeit für die Entfaltung der Demokratie - weil es ja keine starren gesellschaftlichen und politischen Dogmen gab wie in Europa. Gefragt war der aktive Bürger, der sich in kleinen Gemeinschaften organisierte. In diesen Gemeinschaften waren die "mœurs" - die Sitten wie Verantwortungsgefühl, Eigeninitiative, der Wille, sich in öffentlichen Angelegenheiten zu engagieren - wichtiger als die geschriebene Verfassung. Es sind dies Eigenschaften, die in den politischen Werken der amerikanischen Philosophen von John Dewey bis zu Michael Walzer immer wieder als positive Werte beschrieben werden.

"Despotie der Mehrheit"

Ein wesentliches Element einer funktionierenden Gemeinschaft ist für Tocqueville auch die Religion. Sie gilt ihm als ein wirksames Mittel gegen die Hybris der Individualisierung und den Hedonismus. Die Aufgabe der Religion bestehe darin, so schrieb er, "die allzu heftige Neigung zum Wohlergehen, die die Menschen im Zeitalter der Gleichheit empfinden, zu läutern, zu regeln und einzuschränken".

Aber die Demokratie hat auch ihre Schattenseiten. Während seiner Reise durch die Vereinigten Staaten hatte Tocqueville eine Beobachtung gemacht, die auch in den zeitgenössischen Demokratien anzutreffen ist. Es handelt sich dabei um eine mögliche Tyrannei der Mehrheit, die auf Minderheiten keine Rücksicht nimmt. Tocqueville spricht von einer "Despotie der Mehrheit". Die Mehrheit, die sich bei Wahlen durchgesetzt hat, lässt keine andere Meinungen mehr gelten. Ihre Logik lautet folgendermaßen: "Du hast die Freiheit, nicht zu denken wie wir, aber von dem Tag an bist du ein Fremder unter uns."

Kämpfer gegen die Sklaverei

Eine andere Schattenseite der amerikanischen Demokratie war der herrschende Rassismus. Der Vorstellung einer aktiven Zivilgesellschaft galt nur für die weiße Mehrheit. Besonders verstörte Tocqueville die Sklaverei. Er, der sich in Frankreich aktiv für die Beseitigung der Sklaverei einsetzte, war überzeugt, dass wegen des tief verwurzelten Rassismus der weißen Mehrheit die Vorurteile gegen die schwarze Minderheit selbst nach der Aufhebung der Sklaverei nicht so rasch beseitigt werden könnten. Kritisch beurteilte er auch die Situation der indianischen Bevölkerung, die ihrer Existenzgrundlage beraubt wurde. Der siegreiche Geist des Puritanismus, der den Erfolg des "Tüchtigen", "von Gott Auserwählten" propagierte, hatte eine eigenständige Kultur beinahe zum Verschwinden gebracht.

Abgehobene politische Klasse

Nach dem großen Erfolg seiner Studie über Amerika wandte sich Tocqueville der Politik zu. Dabei entwickelte er prognostische Fähigkeiten. Kurz vor der Februarrevolution 1848 bemerkte er in einer Rede vor der Abgeordnetenkammer: "Merken Sie den Revolutionssturm nicht, der in der Luft liegt?"

In seiner politischen Tätigkeit besaß Tocqueville den Ehrgeiz, seine theoretischen Einsichten in die Politik umzusetzen, hatte damit jedoch wenig Erfolg. Bald kehrte er zur Theorie zurück. 1856 entstand die umfangreiche Studie "Der alte Staat und die Revolution", in der Tocqueville eine eigenwillige Interpretation der Französischen Revolution vorlegte. Zwar bejahte er die Errungenschaften der Französischen Revolution, konstatierte aber gleichzeitig eine starke Tendenz zur Zentralisierung. Im Gegensatz zur amerikanischen Demokratie, in der freie Bürger pragmatisch zusammenarbeiteten, entstand in Frankreich ein Zweiklassenstaat: Eine abgehobene regierende und verwaltende Klasse stand der Mehrheit der Bürger gegenüber, die sich von dieser Klasse dirigieren ließ. Es ist dies ein Hauptproblem der Demokratie, das bis in die Gegenwart reicht.

Verbittert über die reaktionäre Herrschaft, die das Zeitalter nach 1848 prägte, zog sich Tocqueville in das Privatleben zurück. Der Vordenker und Kritiker der Demokratie verstarb am 16. April 1859 in Cannes.

Literaturtipps:

Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, Reclam Verlag, Stuttgart 1998, 391 S., kart., e 9,30

Karlfriedrich Herb/Oliver Hidalgo: Alexis de Tocqueville, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, 176 S., kart., e 13,30

Michael Hereth: Tocqueville zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg 1991, 152 S., kart., e 11,90