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Ein Mörder fand seine Richterin

1945 1960 1980 2000 2020
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Der Seemann war sich sicher: "Breivik ist verrückt, aber zurechnungsfähig“, meinte er wenige Tage vor dem Urteil des Gerichtes in Oslo über den Massenmörder Anders Behring Breivik in Norwegens TV. Dieser erhielt vorige Woche in einem weltweit Aufsehen erregenden Prozess für den Mord an 77 Menschen die Höchstrafe von 21 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung. "Dieses Urteil war zu erwarten und bringt unserem Land inneren Frieden zurück“, sagte ein norwegischer Arzt dazu. Die Richterin, Wenche Elizabeth Arntzen, hat sich mit diesen Urteil wie ihr Vater und ihr Großvater in die norwegische Rechtsgeschichte eingetragen, urteilte das Osloer Dagbladet. Norwegen hat ihr tatsächlich viel zu verdanken.

Arntzen hat sich während des fünf Wochen währenden Prozesses auf nichts eingelassen. Mit stoischer Miene dem Angeklagten zugehört. Ihn gesteuert. Der klare, feste Blick der 53-Jährigen aus schmalen Augen prägte die Wahrnehmung des Prozesses. Zu juristischer Brillanz zeigte sie nur einmal Emotion und weinte, als Breivik seine Morde auf der Ferieninsel Utøya schilderte.

Richterin Arntzen hat "unglaublich konzentriert und genau gearbeitet“, sagte auch Johannes Marlovits, der für den ORF in Berlin als Korrespondont tätig ist und aus Oslo berichtete. Sie habe mit juristischer Professionalität einen fairen Prozess ermöglicht und persönliche Befindlichkeiten hinangestellt, meinte Marlovits zur FURCHE. Vielleicht um damit zu zeigen, dass genau das System, das Breivik bekämpft, funktioniert. Sie habe ihm die nicht umstrittene Möglichkeit geboten, seine Sicht der Dinge, seiene Ideologie darzulegen. Genau darin liegt der Dreh- und Angelpunkt des Verfahrens.

Ist Breivik verrückt oder zurechnungs- und damit schuldfähig? Das war die zentrale Frage, die von den ersten beiden psychiatrischen Gutachtern damit beanwortet worden war, Breivik sei "paranoid schizophren“. Also nicht zurechnungsfähig. Das wollte Arntzen nicht auf dem Rechtsstaat sitzen lassen. Sie ordnete ein zweites Gutachten an, vielleicht auch deswegen, weil einer der Erstgutachter die Familie Breivik bereits beruflich kannte. Breivik wolle dies bekämpfen, das Oberste Gericht bestätigt Arntzen und das zweite Gutachten befand auf Zurechnungs- und Schuldfähigkeit. Das war Arntzens Leistung.

Mit juristischem Denken und problematischen Zweifelsfällen, die gerichtlich zu klären sind, ist sie von Kindheit an vertraut. Ihr Großvater, Sven Arntzen, war höchstrangiger Richter Norwegens und leitete 1945 den Prozess gegen Vidkun Quisling, einen faschistischen Politiker, der mit der deutschen Besatzung Norwegens kollaboriert hatte. Quisling wurde zum Tod durch Erschießen verurteilt. Arntzens Vater, Andreas Arntzen, verteidigte als Anwalt in den Achtzigerjahren den unter Spionageverdacht geratenen Politiker der Arbeiterpartei, Arne Treholt. Dieser war 1984 auf Oslos Flughafen verhaftet worden, weil er angeblich in Wien einen sowjetischen Spion treffen wollte. Treholt emigrierte nach vorzeitiger Entlassung 1992 nach Russland. Arntzens Ehemann ist ebenfalls Jurist.

Wenche Elizabeth Arntzen ist in Norwegen "so etwas wie eine Heldin“ geworden, urteilt Marlovits. Arntzen musste sich in einem fünf Wochen dauernden Prozess mit Grausamkeiten befassen, für die noch niemals in Norwegens Geschichte ein Mensch alleine verantwortlich war, schilderte Dagbladet. Das Urteil über Breivik und dessen breite Akzeptanz sind ihr Verdienst.