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Gewitztes Jammern in Jamben

1945 1960 1980 2000 2020

Packende Sprach- und Schauspielkunst zeigt das Akademietheater mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers rätselhaftem Stück "Die Unverheiratete" und mit einer fantastischen Elisabeth Orth.

1945 1960 1980 2000 2020

Packende Sprach- und Schauspielkunst zeigt das Akademietheater mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers rätselhaftem Stück "Die Unverheiratete" und mit einer fantastischen Elisabeth Orth.

Der 37-jährige Linzer Ewald Palmetshofer ist wohl der bekannteste unter den österreichischen Dramatikern der jüngeren Generation. Bekannt wurde er vor allem durch die 'Übermalung' klassischer Stoffe der dramatischen Weltliteratur. Diese oft preisgekrönten Stücke tragen dann so schöne Namen wie "Hamlet ist tot. Keine Schwerkraft"(2007),"faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete"(2009) oder zuletzt "Räuber. Schuldengenital"(2012).

Selbstzerstörerische Verzweiflung

Dagegen hört sich der Titel seines jüngsten Wurfes schlicht an. Der Gegenstand ist es allerdings nicht. Für "Die Unverheiratete", das im Akademietheater in der Regie von Robert Borgmann zur Uraufführung gebracht wurde, hat Palmetshofer einen authentischen Vorfall recherchiert. Wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatte im oberösterreichischen Mönchdorf eine junge Posthalterstochter ein Gespräch eines 20-jährigen Soldaten abgehört, worin dieser mit dem Gedanken spielte, da der Krieg eh verloren und Wien bereits befreit sei, einfach abzuhauen. Sie zeigte ihn beim Ortsgruppenleiter an und fünf Tage später ward der junge Soldat standrechtlich erschossen.

Palmetshofer interessiert sich nun in seinem vorwiegend in kunstvollen Jamben (die Distanz schaffen sollen) geschriebenen Stück nicht für die Gründe dieser Denunziation. Indem er diesem historischen Vorfall den antiken Atriden-Mythos unterlegt, fokussiert er darauf, wie eine solche Tat, die ohne Einsicht und Reue blieb, auf die nachfolgenden Generationen durchschlägt.

Ein Sturz im Haus, die Junge von damals ist nun über 90, bringt die Nachkommen, die Tochter und die Enkelin ins Haus und damit die sprichwörtliche Leiche an den Tag. In dieser "reinen Weiberwirtschaft" mit lauter einsamen Frauen, denn Männer kommen, wenn überhaupt nur in den bitteren Erzählungen der Enkelin über flüchtigen Sex vor, arbeitet die Schuld weiter.

Während die Alte, von Elisabeth Orth großartig gespielt, jede Verantwortung von sich weist, reagiert die Tochter (Christiane von Poelnitz) mit selbstzerstörerischer Verzweiflung und ohnmächtiger Wut auf die Verstrickung der Mutter in dieses Verbrechen. Auch die Enkelin, famos berührend gespielt von Stefanie Reinsperger, leidet an einer Art Erbschuldkomplex, der sie bindungsunfähig für die Welt verloren macht.

Gewitzter und talentierter Autor

Palmetshofer hat den Repräsentantinnen von drei Generationen einen vierköpfigen Frauenchor gegenübergestellt. Die "hundsmäuligen Schwestern", die an Erinnyen, die Rachegöttinnen erinnern, die das Geschehen von damals erzählen, kommentieren und immer wieder an der Frage nach den moralischen Konsequenzen rühren.

Der Uraufführungsregisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann hat für seine erste Arbeit am Burgtheater viele Einfälle, die sich das eine oder andere Mal etwas penetrant in den Vordergrund drängen, wie das kaum lesbare Spiel mit dem Licht. Aber über weite Strecken findet er effektvolle, eingängige Bildlösungen, indem er sich, anstatt die ohnehin sehr verschachtelte, aufgrund der Kunstsprache anspruchsvolle Vorlage weiter zu verrätseln, in Buchstäblichkeit rettet. "Die Unverheiratete" zeigt, dass Palmetshofer ein überaus gewitzter und talentierter Autor ist und darüber hinaus, über was für ein tolles Frauenensemble das Burgtheater verfügt!

Die Unberührbare

Akademietheater: 22., 30. Dezember, 3., 11., 13. Jänner, 2., 4. Februar

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