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Sich und einander fremd Gewordene

"Während Loth bei Hauptmann noch ein kritischer Geist ist, der von einer gerechteren Welt träumt, ist er bei Palmetshofer ein schlaffer, zögerlicher, fast gleichgültiger Zeitgenosse."

Man spürt von Anfang an, dass hier etwas nicht stimmt. Denn auf der von Beginn weg offenen Bühne des Wiener Akademietheaters herrscht eine unübersehbare Unordnung. Links steht einsam ein Klavier, dahinter eine hölzerne Treppe, die ins Nirgendwo führt, im Hintergrund vor der Brandmauer des Theaters angedeutet eine Küchenzeile mit Kühlschrank und Abwasch, davor verlassen ein einfacher Stuhl, ganz rechts ein Haufen zerwühltes Packpapier.

Keine Zukunft

Das alles wirkt lieblos, unverbunden, wie zufällig hingeworfen, verwaist irgendwie. Nur der hölzerne Hausrahmen in der Bühnenmitte gibt zu ahnen, dass hier einmal für die Zukunft geplant wurde, ein neues Haus, ein gemeinsames Heim vielleicht. Doch es wird nie fertig gebaut werden, denn die Familie Krause, erfolgreiche Unternehmer, deren Zuhause uns hier als ein Provisorium vorgestellt wird (Bühne: Dus an David Par ízek), hat als solche keine Zukunft. Denn, wie es im Stück einmal heißt, sie driften als Familie unaufhörlich auseinander, die Mitglieder sind selbst unbehauste, sich und einander längst fremd gewordene Existenzen.

Egon Krause (Michael Abendroth) ist der Familienpatriarch ohne Autorität, er hat sich sowohl vom Eheleben verabschiedet, was seine zweite Frau (Dörte Lyssewski) zu einer verbitterten, vom Leben beleidigten Furie macht, wie auch vom Geschäft, das er längst an den Schwiegersohn Thomas abgegeben hat, ein berechnender Geschäftemacher, Schürzenjäger und politischer Zyniker mit Hang zu rechtspopulistischen Ideen (Markus Meyer). Der eine flüchtet sich aus Langeweile ins Wirtshaus und noch mehr (wie die ganze Familie) in den Alkohol, der andere findet kaum aus dem Morgenmantel. Auch ihm wird "das Glück gleich fern bleiben, wie allen anderen", wie es im Stück einmal heißt, denn die ältere der beiden Töchter Martha (Stefanie Dvorak), unglücklich und hochschwanger, wird wegen ihrer Trunksucht unfähig sein, ihm ein gesundes Kind zu schenken.

Helene (Marie-Luise Stockinger), die jüngere Tochter Krauses, hat ihren Ausbruch aus der Familie wegen Geldnot abbrechen müssen und ist ins Elternhaus zurückgekehrt, wo sie sich gegen die Zudringlichkeiten des Schwagers erwehren muss und über ihr Unglück lamentiert. Gelegentlich schaut Dr. Schimmelpfennig (Fabian Krüger) vorbei, ein stiller Verehrer der Frauen des Hauses und Arzt mit Hang zu philosophischer Weltbetrachtung, aber ein Mann ohne inneren Antrieb und ohne jeden Tatendrang.

Nur sehr, sehr zögerlich (wenn überhaupt) enthüllen die dramatis personae ihre Evidenz. Was Ewald Palmetshofer (Jahrgang 1978) mit seiner Überschreibung von Gerhard Hauptmanns Stück "Vor Sonnenaufgang" aus dem Jahr 1889 macht, gleicht dem Blick auf das müßige Treiben eines Wohncontainers von Big Brother. Denn auch hier leben die trägen und einsamen Herzen nahe beieinander zwar, aber kaum miteinander. Damit ist wesentlich schon benannt, worum es dem oberösterreichischen Dramatiker offenbar geht: Engführung einer Zustandsschilderung. Denn viel mehr als diese Situation der Familienhölle gibt es nicht.

Das Familiäre als Chiffre fürs Soziale

Wer will -und so ist es wohl gedacht - kann das Familiäre als Chiffre für das Soziale lesen. Das braucht Geduld und einen genauen Blick. Denn in dem vom Theater Basel in Auftrag gegebenen Stück überführt Palmetshofer, was bei Hauptmann noch als "soziales Drama" in der Gattungsbezeichnung angelegt war, endgültig in das Familiendrama über, bei dem allerdings die Konfliktgestaltung weder als Ergebnis allgemeiner gesellschaftlicher Prozesse noch als Generationenkonflikt sichtbar ist. Bei Palmetshofer -und der Regisseur Dus an David Par ízek folgt ihm dabei mit seiner lakonischen, ganz auf Understatement aufbauenden Inszenierung -treten äußere Handlung und Personen zugunsten einer genaueren Zustandsbeschreibung derart ostentativ in den Hintergrund, dass der Zuschauer während gut der Hälfte der fast zweieinhalb Stunden in Anspruch nehmenden Inszenierung sich öfters fragt, worum es denn eigentlich geht. Das ändert sich auch dann nicht, wenn jene Figur auftaucht, die bei Hauptmann der Störenfried von außen ist. Michael Maertens spielt den Journalisten Alfred Loth, der ehemalige Studienfreund von Thomas, der (zwecks recht vage bleibender Recherchen) bei der Unternehmerfamilie auftaucht. Aber während dieser Loth bei Hauptmann noch ein kritischer Geist ist, der von der Ausbeutung der Arbeiter berichten will und damit von einer gerechteren Welt träumt, ist er bei Palmetshofer ein schlaffer, zögerlicher, fast gleichgültiger Zeitgenosse, der sich mehr um die Frage nach der eigenen Identität kümmert als um die wirklich brennenden sozialen Fragen. Schärfer und deprimierender kann man unserer Zeit den Spiegel kaum vorhalten.

Vor Sonnenaufgang Akademietheater -4., 18., 20., 30. Jänner

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