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Konjunkturpakete auf der Bühne

Die Finanzkrise schafft ideale Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung um ein avanciertes Theater. Dabei zeichnen sich drei Tendenzen ab.

Spätestens seit Elfriede Jelineks kolossalem Erfolg mit ihren „Kontrakten des Kaufmanns“ (2008) haben auch die österreichischen Bühnen das Thema Finanzkrise als dramatisch-literarisch verwertbaren Stoff entdeckt. Damit lenkt die Diskussion um die Wirtschaftskrise ausnahmsweise einmal vom ständigen Ausruf der Krise des Theaters ab. Der Finanzkollaps schafft aber auch ideale Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung um ein avanciertes Theater. Wie begegnet das Schauspiel nun dem Spiel mit dem (bankrotten) Kasino-Kapitalismus? Welche ästhetischen „Konjunkturpakete“ finden die österreichischen Groß- und Mittelbühnen? Die Spielpläne für die kommende Saison zeigen vor allem drei Tendenzen:

I. Man geht auf Nummer sicher, behilft sich mit kanonisierter Literatur und besetzt hochkarätig. So zeigt etwa das Landestheater St. Pölten die Dramatisierung von Hans Falladas Roman „Kleiner Mann – was nun?“. Beim Berliner Theatertreffen eingeladen, verspricht Luk Percevals Inszenierung mit Annette Paulmann in der weiblichen Hauptrolle nicht nur erstklassige darstellerische Qualität, sondern hinterfragt die aktuelle Situation in Bezug auf soziale Sicherheit und ökonomischen Wettbewerb mit einem Blick in die Geschichte des 1931 erschienenen Romans, der die Zustände der Weimarer Republik reflektiert. Mit Tennessee Williams selten gespieltem „Baby Doll“ steht im Volkstheater zwar nicht direkt die Finanzkrise im Vordergrund, aber Williams zeigt deutlich, was aus dem bankrotten Baumwollfarmer Archie Lee und seiner Frau wird, wenn das auf Kredit gekaufte Mobiliar abgeholt wird. Schnell erfolgt der Abstieg – und umso langsamer der Aufstieg. Dazu liefert das Burgtheater im Kasino mit „Stroszek“ (1976/77, nach einem Film von Werner Herzog) einen Beitrag: Ein ehemaliger Häftling, ein seltsamer Wissenschaftler und eine Prostituierte versuchen ein neues Leben in den USA. Aber auch hier klopft schon bald die Bank an und versteigert die Reste des hart Errungenen.

Kein Verlass auf die Finanzwelt

II. Die Gegenwartsdramatik nähert sich thematisch-inhaltlich der Frage nach der Finanzkrise und ihren Konsequenzen an, die ästhetisch-erzählerische Form bleibt aber soweit konventionell. Der 32-jährige deutsche Autor Philipp Löhle etwa abstrahiert in seinem Stück „Die Unsicherheit der Sachlage“ den Aspekt der allgegenwärtigen „Sicherheitsversprechungen“, die sich angeblich käuflich erwerben lassen. Doch plötzlich steht Löhles Protagonist ganz alleine da, Frau und Freunde haben ihn verlassen, und er landet auf der Straße. Das Kartenhaus des Lebenskonzeptes bricht unvermittelt zusammen. Das Landestheater St. Pölten folgt damit einem seiner Mottos: „Es muss ein Glück geben, das sich von den äußeren Umständen trennen lässt.“ Es ist kein Verlass auf die Welt und schon gar nicht auf die Finanzwelt, die mit Zahlen akrobatisch herumjongliert: Solange es keine Regulierung gibt und die persönliche Bereicherung auf Kosten anderer immer weiter fortschreitet, wird auch die Bedrohung stärker; und deswegen schreibt Klaus Haberl für St. Pölten ein Auftragsstück über die Suche nach dem Glück mit dem Titel „Lieblinge des Himmels“. Rückzug, Misstrauen, die Suche nach dem inneren Reichtum und Aspekte der Ökonomie des Verschenkens und Verkaufens werden zu neuen Schlagworten. Mit Joël Pommerats szenischen Skizzen „Cercles/Fiction“ überprüft das Linzer Landestheater neue gesellschaftliche Normen mit der These einer erkaltenden Zwischenmenschlichkeit. Lose Szenen verbinden sich zu einem Stück, in dem übergeordnete Kräfte wirken, die Menschen sterben lassen, um Topmanager noch bedeutender zu machen, oder Obdachlose zu Organspendern entwerten, um den Rest an Nutzen auszuschlachten. Denn das Prinzip des Kapitalismus heißt: Wer hat, dem wird gegeben, und wer verliert, dem wird weiter genommen. So wie auch in Tamsin Oglesbys „Richtig alt, so 45“, in der die Autorin mit tiefschwarzem Humor die Frage beleuchtet, wie sich eine Gesellschaft gestaltet, in der es zunehmend mehr ältere Menschen gibt. In Oglesbys Satire entwickelt die Regierung Maßnahmen, die Hochbetagte und Pflegebedürftige „glücklicher und schneller sterben“ lassen. Wie stehen also Empathie und wirtschaftlicher Pragmatismus zueinander?

III. Das Theater entwickelt über die Thematisierung hinaus neue szenische Formen im Umgang mit den Fragen nach Manipulation durch Staat und Wirtschaft. So im Schauspielhaus Graz, wo Intendantin Anna Badora die originelle Idee entwickelt hat, das Theater als künstlerischen Knotenpunkt eines Netzwerkes aus Themen, Stücken, Autoren und Regisseuren zu verstehen; bis hin zur Schaltzentrale einer Wirtschaftsmacht in Texas. Badora zeigt die österreichische Erstaufführung von Lucy Prebbles „Enron“, welches den berühmtesten Skandal der Finanzgeschichte szenisch umkreist. Enron, der Energieriese aus Texas, der fiktive Milliardengewinne durch Bilanzfälschungen machte, wurde immerhin lange als „großartigste Firma der Welt“ gesehen. Bis zum Jahr 2001, als die Blase der überbewerteten Finanzwerte platzte und das Unternehmen zusammenbrach. In jenem Moment, wo mehrere Tausend Menschen ihr Einkommen verloren hatten, war das Spiel zu Ende – doch auf wessen Kosten?

Fragmentierte, undurchschaubare Welt

Wenn das Theater der 1960er/70er-Jahre die Verbrüderung von Gewalt und Kapital kritisierte bzw. das Paradoxe einer Welt, die über Schutz und Frieden spricht und zugleich aufrüstet, und den damaligen Zuständen in Form von Grotesken ins Gesicht blickte, so sind die heutigen theatralen Lösungsstrategien Abbild einer fragmentierten Welt, die nicht mehr durchschaubar ist. Die 28-jährige Britin Prebble begegnet der Frage mit den Mitteln und Medien unserer Zeit. Sie selbst adaptierte u. a. auch Texte eines unter einem Nickname schreibenden Callgirls: Wer und was sich hinter angenommenen Identitäten, Texten oder Versicherungen verbirgt, bleibt also im Ungewissen. So wie das Bild im Programmheft des Grazer Schauspielhauses: Aus einem Aktenkoffer steigen glitzernde Seifenblasen in die Luft – schillernde, aber leere Versprechen ohne Inhalt, die zwar im Moment beeindrucken, aber ohne Nachhaltigkeit sind. In der scheinbar seriösen Verpackung des Aktenkoffers befindet sich ein glitzerndes Nichts. Ästhetisch verbindet Prebble verschiedene Formate und liefert daher auf der gestalterischen Ebene Neues: Fiktion und Fake, Fake-Doku und Wirklichkeit; sie koppelt Dokumentation und Reality-Show zusammen und benennt die Protagonisten mit ihrem wirklichen Namen: Da sind Jack Skilling, Enrons Kopf und Topmanager, Enron-Gründer Kenneth Lay, seltsame Derivate-Gurus und besessene Finanzjongleure, die die Pension der Mitarbeiter verspielen … Prebble zeigt die Formen der Manipulation, wenn auch freilich ganz anders als Elfriede Jelinek, die vor allem auf sprachlicher Ebene den Charakter des Manipulativen dekuvriert.

„Vom Globalen zum Lokalen“

Wieder anders, quasi „vom Globalen zurück zum Lokalen“, widmet sich Helmut Köpping aktuellen Entwicklungen. Er wählt die Kundenperspektive. Köpping, Mitglied des Theaters im Bahnhof, entwickelt für das Grazer Schauspielhaus ein Stück, das komisch-grotesk die Bedürfnisse nach „Ganzheitlichkeit“ aufs Korn nimmt und Marketingstrategien persifliert. Und auch am Linzer Landestheater zeigt man mit „Falsch verbunden“ von Anupama Chandrasekhar eine moderne Auseinandersetzung mit dem virtuellen Wert von Geld und Beziehungen. Solange die Kreditkarte gedeckt ist, ist der Kunde geliebtes Mitglied der glücklichen Familie von True Blue Capital, doch wenn das Minus wächst, wird die amerikanische Firma zum gnadenlosen Schuldeneintreiber, die mittels billiger indischer Arbeitskräfte das Gegenüber unter Druck setzt. Die indische Dramatikerin verpackt ihre Kritik an einer hybriden globalisierten Welt, in der auch Beziehungen nicht mehr persönlich, sondern nur mehr virtuell sind. In dieser hochtechnologisierten Kommunikationswelt begegnen die Figuren einander nur mehr fernmündlich oder elektronisch.

Das zeigt, dass vor allem junge Theaterschaffenden auf reale Vorgaben, Texte und Zitate aus der Finanz- und Wirtschaftswelt zurückgreifen, aus denen dann Handlungen und Pseudo-Handlungen konstruiert werden. Damit kann die Kunstform Theater schneller, direkter auf Veränderungen reagieren und seinem Anspruch einer permanenten Metamorphose gerecht werden.

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