Jugend ohne Gott - © Foto: Arno Declair
Theater

Die Rettung der Vernunft

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Ostermeiers Inszenierung des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth bei den Salzburger Festspielen erweist sich als atemloses Stück vor minimalistischer Kulisse.

1945 1960 1980 2000 2020

Thomas Ostermeiers Inszenierung des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth bei den Salzburger Festspielen erweist sich als atemloses Stück vor minimalistischer Kulisse.

Ein Schüler und sein Lehrer unterhalten sich. Im Hintergrund, der immer mehr zum akustischen Vordergrund wird, Militärmusik und Marschgetrampel. So hört sich aufziehendes Unheil an. Zwei Einzelne im Zeitalter der Brutalisierung sind zum Gruppenzwang verpflichtet. Das wissen die beiden, aber diese Szene spielt zu einer Zeit, als die Zeit der ersten Euphorie verklungen und Ernüchterung eingetreten ist. Der Lehrer passt sich wider besseres Gewissen an und hadert mit seiner Existenz als einer, der alles, was ihm bitter aufstößt, hinnimmt. Das muss er, zumal er einmal Afrikaner als Menschen bezeichnete, was sich als schwerer Fehler in einem Herrenmenschen-Regime herausstellte. Seither hält er still. Der Schüler gesteht, sich mit anderen zu treffen, um verbotene Literatur zu lesen. Das ist als erfreulicher Akt des Widerstands gegen das Einheitsdenken zu verstehen. So krawallmäßig sich die Propaganda in den Gehirnen niederlässt, so klandestin und vorsichtig findet das Gegenprogramm zur Rettung der Vernunft und des Anstands statt. Das bleibt aber die Ausnahme.

Hauchdünner Boden der Zivilisation

Der Einzelne und die Gesellschaft bilden das Oppositionspaar, das in der Umdeutung des Romans „Jugend ohne Gott“ von Ödön von Horváth durch Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer in ein Theaterstück in Variationen seinen Auftritt bekommt. Die beiden verlagern die Ereignisse konkret in die Zeit des Dritten Reiches, während der Roman in einem ungenannten totalitären Regime spielt. Der Boden der Zivilisation erweist sich als hauchdünn, wenn die soziale Kontrolle jede Abweichung unter Strafe stellt. Dann gilt jemand als verdächtig, der Menschlichkeit einfordert und auf einem Wertekanon besteht. Unvermittelt schafft das Stück den Sprung aus der Vergangenheit in unsere Zeit, wenn die Folgen der Auflösung der Menschlichkeit in knappen Szenen vorgeführt werden.

Unvermittelt schafft das Stück den Sprung aus der Vergangenheit in unsere Zeit, wenn die Folgen der Auflösung der Menschlichkeit in knappen Szenen vorgeführt werden.

Die Stärke der Inszenierung liegt in dem Blick auf dem Einzelnen und wie er unter verschärften Bedingungen der Gleichschaltung reagiert. Alle stehen unter Einfluss, keiner darf sich den freien Willen leisten. Und doch bekommen wir es nicht mit starren Charakteren zu tun, sondern mit Persönlichkeiten im Wandel. Sie machen einen Entwicklungsprozess durch. Manche schaffen es eben doch, auszuscheren und sich widersetzlich das gefährliche Gut des eigenen Denkens anzueignen. Das löst Katastrophen aus. Ein Schüler führt während eines längeren Ausflugs in die Natur, wo die Jugendlichen für einen unweigerlich auf sie zukommenden Kampf vorbereitet werden, Tagebuch.

Das macht sich nicht gut in einer Gemeinschaft, die den Grübler bezichtigt, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Wer schreibt, stellt sich außerhalb der Gesellschaft. Wenn die anderen schlafen, hält er nicht still, sondern macht sich Gedanken. Und dann trifft er sich auch noch mit einer Ausreißerin, einer Verfemten im Untergrund. Mit so einem ist kein Staat zu machen. Als es wegen des Mordes an einem Radikal-Nazi zu einem Prozess kommt und der Tagebuchschreiber als Täter vor Gericht gestellt wird, nimmt ihn das Mädchen in Schutz, was sie selbst zur Hauptangeklagten macht. Der Bursche macht sich aus dem Staub. Man sieht, die Moral ist ein arg wandelbares Ding, vor allem, wenn es darum geht, seine eigene Haut zu retten.

Dauerhaft bedrohliche Atmosphäre

Die Inszenierung verlangt den Schauspielern eine Menge ab. Sie wechseln auf offener Bühne im Handumdrehen ihre Identität, sind Schüler, Pfarrer, Polizist und Kellner oder Rebellin, Mutter, Direktorin und Dienstbotin. Das alles geschieht vor der starren Kulisse einer Waldlandschaft. Jan Pappelbaum hat sich das Bühnenbild ausgedacht, das eine dauerhaft bedrohliche Atmosphäre abstrahlt. Requisiten wie Tische oder Zelt werden kurzfristig herangeschoben.

Das Stück ist gesplittet in Short Cuts, kleine Szenen, die für permanente Abwechslung sorgen. Zum Durchatmen gibt es kaum jemals Zeit, für das Publikum nicht und die Darsteller sowieso nicht. Stark die Ensembleleistung eines hervorragend aufeinander eingespielten, ausgesprochen wandlungsfähigen Teams. Ein Volksstück, das Horváth mit seinen Dramen so gründlich erneuert hat, ist die Aufführung nicht geworden. Dazu kommt das Milieu zu kurz, die kleinen Leute in ihren kläglichen Versuchen, sich zwischen Amüsement und Neigung zu Gewalt ein Stück Glück zu sichern. Hier sehen wir lieber einer überschaubaren Menschengruppe bei ihrem Lavieren durch die neuen Verhältnisse zu. Beklemmend ist das allemal. Die Möglichkeit, an einer Form von Glück teilzuhaben, stellt sich für sie nicht mehr. Sie sind zu Parier-Maschinen degradiert worden. Alles in allem: ein besonderer Theaterabend!

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