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Feuilleton

Wie Menschen kaputt gemacht werden

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Dramen von Harold Pinter und Gerhart Hauptmann begann das Theaterprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele: Sie zeigen Stammeskultur auf verfeinertem Party-Niveau und den Untergang in einer Gesellschaft mit engstirnigem Normensystem.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit Dramen von Harold Pinter und Gerhart Hauptmann begann das Theaterprogramm der diesjährigen Salzburger Festspiele: Sie zeigen Stammeskultur auf verfeinertem Party-Niveau und den Untergang in einer Gesellschaft mit engstirnigem Normensystem.

Gewalt ist die brutale Spielform von Macht. Wie Menschen kaputt gemacht werden, körperlich und psychisch, lassen uns sowohl der Brite Harold Pinter als auch Gerhart Hauptmann in düsteren Dramen wissen. Damit fügen sie sich ausgezeichnet in das Gesamtkonzept der diesjährigen Salzburger Festspiele, das dem Thema "Macht" unterstellt ist.

Bei Harold Pinter befinden wir uns eine Spur neben unserer Wirklichkeit. Die Welt in "Die Geburtstagsfeier" von 1957 sieht fast so aus, wie wir sie kennen, und doch sind die Menschen noch mehr in sich verbohrt und verschlossener als üblich. Die Welt ist aus dem Lot, doch lässt sich nicht genau definieren, woran das liegt. Alle reden um den heißen Brei, noch dazu gibt es keinen gemeinsamen Kessel, aus dem dieser Brei kommt. Lauter Individualschrecken, abgespeichert in den Kammern des Unbewussten, lassen Gespräche ins harmlos Unverbindliche gleiten zu einem Smalltalk der Hilflosigkeit. Jeder trägt seine eigene Altlast mit sich herum und niemals würde er darüber ein Wort verlieren. So liegt ein dauerhaftes vages Unbehagen über der Szenerie, die sowieso reichlich heruntergekommen wirkt.

Wir befinden uns in einer Pension -Euphemismus! Absteige -am Meer, wo sich Stanley als Dauergast eingemietet hat. Max Simonischek gibt ihn als robusten Rabauken, der im Handumdrehen zum kläglichen Würstchen wird, als zwei Männer auftauchen, die ihn offenbar in der Hand haben und ihm rasch die Schneid abkaufen. Ihm, der sich als Pianist ausgibt -aber wer weiß schon, was stimmt in diesem Zirkus der Selbstbehauptung -, sitzt ein übles Geheimnis im Nacken, das, sobald jemand darüber Bescheid weiß, gegen ihn verwendet werden kann. Und die beiden, die wie das schlechte Gewissen aus der Vergangenheit auftreten, gewinnen Macht über ihn und machen ihn fertig. Das geschieht unbemerkt vom sowieso jede Schwierigkeit ignorierenden Vermieter-Pärchen.

Andrea Breth, die Fährtenleserin im Reich der verwachsenen Pfade von Gewalt, lässt auf der Bühne ständig neue Konstellationen erstehen, in denen die ewigen Konflikte von Herrschaft, Unterwerfung und Aufstand durchprobiert werden. Es kommt zu feinen Verschiebungen von Dominanz, wenn sich unvermittelt neue Koalitionen der Einzelgänger ergeben, miteinander auszukommen. Gerade noch Triumphator, im nächsten Augenblick als Besiegter im Staub, die verfeinerten Methoden der Zivilisation verlagern die Kämpfe ins Innere. Es geht nicht um Leben und Tod, eher um Selbstbehauptung und Akzeptanz. Mit einem Abbildrealismus wäre das nicht zu leisten. Pinters schräger, zum Absurden neigender Blick lässt die Erbarmungswürdigkeit gesellschaftlicher Rituale der Gegenwart nur umso schärfer ans Licht treten. Stammeskultur auf verfeinertem Party-Niveau. Um das so gnadenlos leicht durchzudrücken bedarf es eines starken Teams, in dem Roland Koch, Nina Petri und Oliver Stokowski ihre Stärke ausspielen dürfen. Nur so wird das Stück zum Fürchten komisch.

Beklemmung bis heute

Komik spart sich Gerhart Hauptmann und mit ihm die Regisseurin Karin Henkel, die für die Perner-Insel "Rose Bernd" eingerichtet hat. Den Hauptmann'schen Naturalismus nimmt sie ernst, wenn sie das Stück gleichsam mit einem Trauerrand versieht. Mit Rose Bernd, dem Mädel aus der Enge der schlesischen Provinz, geht es unweigerlich bergab. Bei Pinter sind es die Einzelnen, die Menschen in ihrer unsoliden, wankelmütigen, weltabweisenden Ich-Verlorenheit, die das Unglück herbeiführen, bei Hauptmann sorgt die Gesellschaft mit ihrem engstirnigen Normensystem für den Untergang. Eine wie Rose Bernd eignet sich als Wunschbild für Männer, die ihr genau das zum Vorwurf machen und sie, wenn es sein muss mit Gewalt, ihrer Triebhaftigkeit unterwerfen. Sie hat keine Chance, und das, obwohl ihr die großartige Lina Beckmann einen rebellischen Grundgestus verleiht, der in einer Gesellschaft von schrecklichen Biedermännern über eine Trotzhaltung nicht hinauswachsen darf. Die geht dann als weiblicher Spleen durch.

Die Welt, in der die junge Frau zu einer freudlosen Existenz verdammt ist, ist für Karin Henkel Motiv genug, dass diese ihr Neugeborenes umbringt, um es nicht einem vergleichbaren Schicksal auszusetzen. Kirchgänger und Arbeiter bilden einen mächtigen Chor, der als Indoktrinierungsapparat im Hintergrund die Regeln vorgibt. Das Stück aus dem Jahr 1903 ist gründlich durchlüftet worden, vom Mief der Kaiser-Zeit ist nichts mehr übrig geblieben. Die Beklemmung aber hat sich in unsere Gegenwart weiter gepflanzt. Dass das aufgeht, ist einer besonderen Ensemble-Leistung mit starken Solisten zu verdanken.

Die Geburtstagsfeier Salzburger Landestheater -5., 7., 10., 12., 13.8.

Rose Bernd Perner-Insel, Hallein -4., 5., 6., 8., 9.8.

Gewalt ist die brutale Spielform von Macht. Wie Menschen kaputt gemacht werden, körperlich und psychisch, lassen uns sowohl der Brite Harold Pinter als auch Gerhart Hauptmann in düsteren Dramen wissen. Damit fügen sie sich ausgezeichnet in das Gesamtkonzept der diesjährigen Salzburger Festspiele, das dem Thema "Macht" unterstellt ist.

Bei Harold Pinter befinden wir uns eine Spur neben unserer Wirklichkeit. Die Welt in "Die Geburtstagsfeier" von 1957 sieht fast so aus, wie wir sie kennen, und doch sind die Menschen noch mehr in sich verbohrt und verschlossener als üblich. Die Welt ist aus dem Lot, doch lässt sich nicht genau definieren, woran das liegt. Alle reden um den heißen Brei, noch dazu gibt es keinen gemeinsamen Kessel, aus dem dieser Brei kommt. Lauter Individualschrecken, abgespeichert in den Kammern des Unbewussten, lassen Gespräche ins harmlos Unverbindliche gleiten zu einem Smalltalk der Hilflosigkeit. Jeder trägt seine eigene Altlast mit sich herum und niemals würde er darüber ein Wort verlieren. So liegt ein dauerhaftes vages Unbehagen über der Szenerie, die sowieso reichlich heruntergekommen wirkt.

Wir befinden uns in einer Pension -Euphemismus! Absteige -am Meer, wo sich Stanley als Dauergast eingemietet hat. Max Simonischek gibt ihn als robusten Rabauken, der im Handumdrehen zum kläglichen Würstchen wird, als zwei Männer auftauchen, die ihn offenbar in der Hand haben und ihm rasch die Schneid abkaufen. Ihm, der sich als Pianist ausgibt -aber wer weiß schon, was stimmt in diesem Zirkus der Selbstbehauptung -, sitzt ein übles Geheimnis im Nacken, das, sobald jemand darüber Bescheid weiß, gegen ihn verwendet werden kann. Und die beiden, die wie das schlechte Gewissen aus der Vergangenheit auftreten, gewinnen Macht über ihn und machen ihn fertig. Das geschieht unbemerkt vom sowieso jede Schwierigkeit ignorierenden Vermieter-Pärchen.

Andrea Breth, die Fährtenleserin im Reich der verwachsenen Pfade von Gewalt, lässt auf der Bühne ständig neue Konstellationen erstehen, in denen die ewigen Konflikte von Herrschaft, Unterwerfung und Aufstand durchprobiert werden. Es kommt zu feinen Verschiebungen von Dominanz, wenn sich unvermittelt neue Koalitionen der Einzelgänger ergeben, miteinander auszukommen. Gerade noch Triumphator, im nächsten Augenblick als Besiegter im Staub, die verfeinerten Methoden der Zivilisation verlagern die Kämpfe ins Innere. Es geht nicht um Leben und Tod, eher um Selbstbehauptung und Akzeptanz. Mit einem Abbildrealismus wäre das nicht zu leisten. Pinters schräger, zum Absurden neigender Blick lässt die Erbarmungswürdigkeit gesellschaftlicher Rituale der Gegenwart nur umso schärfer ans Licht treten. Stammeskultur auf verfeinertem Party-Niveau. Um das so gnadenlos leicht durchzudrücken bedarf es eines starken Teams, in dem Roland Koch, Nina Petri und Oliver Stokowski ihre Stärke ausspielen dürfen. Nur so wird das Stück zum Fürchten komisch.

Beklemmung bis heute

Komik spart sich Gerhart Hauptmann und mit ihm die Regisseurin Karin Henkel, die für die Perner-Insel "Rose Bernd" eingerichtet hat. Den Hauptmann'schen Naturalismus nimmt sie ernst, wenn sie das Stück gleichsam mit einem Trauerrand versieht. Mit Rose Bernd, dem Mädel aus der Enge der schlesischen Provinz, geht es unweigerlich bergab. Bei Pinter sind es die Einzelnen, die Menschen in ihrer unsoliden, wankelmütigen, weltabweisenden Ich-Verlorenheit, die das Unglück herbeiführen, bei Hauptmann sorgt die Gesellschaft mit ihrem engstirnigen Normensystem für den Untergang. Eine wie Rose Bernd eignet sich als Wunschbild für Männer, die ihr genau das zum Vorwurf machen und sie, wenn es sein muss mit Gewalt, ihrer Triebhaftigkeit unterwerfen. Sie hat keine Chance, und das, obwohl ihr die großartige Lina Beckmann einen rebellischen Grundgestus verleiht, der in einer Gesellschaft von schrecklichen Biedermännern über eine Trotzhaltung nicht hinauswachsen darf. Die geht dann als weiblicher Spleen durch.

Die Welt, in der die junge Frau zu einer freudlosen Existenz verdammt ist, ist für Karin Henkel Motiv genug, dass diese ihr Neugeborenes umbringt, um es nicht einem vergleichbaren Schicksal auszusetzen. Kirchgänger und Arbeiter bilden einen mächtigen Chor, der als Indoktrinierungsapparat im Hintergrund die Regeln vorgibt. Das Stück aus dem Jahr 1903 ist gründlich durchlüftet worden, vom Mief der Kaiser-Zeit ist nichts mehr übrig geblieben. Die Beklemmung aber hat sich in unsere Gegenwart weiter gepflanzt. Dass das aufgeht, ist einer besonderen Ensemble-Leistung mit starken Solisten zu verdanken.

Die Geburtstagsfeier Salzburger Landestheater -5., 7., 10., 12., 13.8.

Rose Bernd Perner-Insel, Hallein -4., 5., 6., 8., 9.8.