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Feuilleton

Liebe der Töchter, vergeblich nachgetragen

1945 1960 1980 2000 2020

Anna Mitgutsch legt mit ihrem neuen Roman "Die Annäherung" eine subtil in sich kreisende, poetische Analyse einer stummen Familienmalaise vor.

1945 1960 1980 2000 2020

Anna Mitgutsch legt mit ihrem neuen Roman "Die Annäherung" eine subtil in sich kreisende, poetische Analyse einer stummen Familienmalaise vor.

Es waren die Kinder der 68er, die vor einigen Jahren den Egoismus ihrer Eltern und die daraus resultierenden Defizite ihrer Kindheit beklagten. Das ist wenig verwunderlich, waren sie doch die erste Generation, bei der Disziplinierung und Stillhalten nicht die primären Erziehungsziele waren, und es gab das erste Mal Väter, die sich nicht prinzipiell emotional unerreichbar hielten. Solche Voraussetzungen stärken das Selbstbewusstsein und schicken junge Menschen mit der Überzeugung ins Leben, dass sie auf alles Erdenkbare ein natürliches Anrecht besitzen.

Ganz anders war die Situation für die Generation der Nachkriegskinder. Die verstörten, psychisch verhärteten Eltern waren verbissen mit dem Vergessen des Erlebten und der Reorganisation ihrer Leben beschäftigt. Kinder gehörten aus Gepflogenheit dazu, genauso aber ihre emotionale wie faktische Ruhigstellung. Vor allem der Gefühlshaushalt der Väter blieb durch die verübten oder doch gesehenen Kriegsverbrechen final eingefroren. Erst als sie in die Altenheime übersiedelten, öffneten sich die Schleusen der eingekapselten Erinnerungen. Viele freilich blieben auch zu Hause, weil die einst emotional so schändlich unterversorgten Kinder bzw. Töchter die Betreuung übernahmen und übernehmen.

Genese der Liebesunfähigkeit

Diese ein Leben lang vergeblich nachgetragene Liebe der Töchter ist das eigentlich Erschütternde an Anna Mitgutschs neuem Roman "Die Annäherung", der von Winter bis Winter das letzte Lebensjahr von Friedas 96-jährigem Vater Theo beschreibt. Sie ist in den 60ern, als seine Hinfälligkeit einsetzt, und sie ist eilfertig zur Stelle, zumindest so weit es ihre Stiefmutter Berta zulässt, denn Frieda will Vater wie Stiefmutter deren Lieblosigkeit nicht vergelten, sondern die beiden mit ihrer "Großzügigkeit beschämen". Das ist nobel, geht jedoch meist ins Leere, weil gelernte Egoisten dargebrachte Opfer gar nicht als solche wahrnehmen.

Freilich gehörte Theo nicht zu den polternden und gewaltbereiten Heimkehrern, die das Kriegsgeschehen als befehlsausgebende Familientyrannen in die Wiederaufbaujahre hinein verlängerten. Theo ist der stille, verschwiegene, scheinbar bescheidene Typ, der sich gegen jede Annäherung nicht durch Brüllen, sondern durch Verstummen und Rückzug in Garten oder Bastelraum abzuschotten versteht. Mitgutsch beschreibt mit viel Verständnis die Genese seiner Liebesunfähigkeit und seiner latenten Fremdheit in der Welt, die mit der Herkunft seiner Großeltern aus den Karpaten gleichsam als Familienerbe über der unglücklichen Konstellation schwebt.

Familienhistorie als fatale Prägung für die nachkommenden Generationen hat in diesem Roman nicht nur mit dem Einschnitt der Schoa zu tun, es ist die Sprachlosigkeit in Gefühlsdingen, die von Theos Großvater bis zu seinem Enkel alle Figuren eint. Das lässt sie vereinsamen und bringt Unrecht wie Unglück über alle. Die Debatten um hybride Elternschaften dank moderner Reproduktionstechnologien könnten aus den Romanen von Anna Mitgutsch lernen, welche Abgründe für das emotionale Familiengefüge Leihmutterschaften und Samenspender eröffnen.

Idealtypus der Nachkriegsfrau

Während von Theo auktorial erzählt wird, und Frieda in Ich-Form berichtet, werden die beiden Ehefrauen nur von außen sichtbar. Die Ehe mit Friedas Mutter ist aus Theos Sicht an der ungleichen intellektuellen wie lebenspraktischen Orientierung gescheitert: Sie aus kleinstädtisch gutbürgerlichen Verhältnissen, er der kleine Angestellte einer Gärtnerei, sie etwas ramponiert vom Gerücht einer Affäre, er zerstört von den Fronterlebnissen samt zahlreichen körperlichen Verwundungen. Die Ehe war unglücklich, Friedas Mutter starb früh an einem Gehirntumor.

Kaum ein Jahr danach taucht die viel jüngere Berta auf, die mit ihren hausfraulichen Qualitäten und ihrer intellektuellen Anspruchslosigkeit den Idealtypus der Nachkriegsfrau verkörpert und Theo scheinbar erstmals häusliches Glück beschert. Nur mütterlich ist sie nicht, zumindest nicht zur Stieftochter, da geht in der Annäherung so ziemlich alles schief, und Frieda ist knapp 18, als ihr der Vater auf Geheiß Bertas die Tür weist. Vielleicht ist das auch ein Vorwand und der eigentliche Grund eher die pubertäre Verbissenheit, mit der Frieda ihren Vater mit Fragen nach seiner Schuld an den Verbrechen des Nationalsozialismus bedrängt. "Solange Konflikte nicht zur Sprache kamen, war für ihn alles in Ordnung", so Frieda, und auch das ist genuiner Bestandteil des Charakterkostüms dieser Männergeneration.

Nach dem Rausschmiss gerät Frieda in den Sog der politisierten Jugendkultur und an eines der Alphamännchen dieses Umfelds, die sich im Sozialverhalten Frauen gegenüber oft erstaunlich wenig von ihren Vätern unterscheiden. Die Ehe geht schief, ihre beiden Kinder treffen unterschiedliche Entscheidungen: Die Tochter folgt dem Vater, Sohn Fabian bleibt bei Frieda und wird -vielleicht mit Ausnahme Bertas -der erste Mensch, zu dem Theo eine Beziehung aufbaut. Dass Großväter ihren Enkeln mitunter zu geben vermögen, was sie ihren Kindern schuldig blieben, ist ein bekanntes Phänomen. Hier kommt dazu, dass Fabian ihm ähnlich sieht und Theo endlich Gewissheit gibt, dass ihn Friedas Mutter nicht als Rettungsanker für eine illegitime Schwangerschaft benutzt hat. Als Fabian tödlich verunglückt, ist das für Theo wie Frieda eine Katastrophe, doch eine Annäherung gelingt ihnen auch jetzt nicht. Das verhindert Berta genauso wie Theos Versteinerung.

Auch Frieda hat nie gelernt, ihre Gefühle anderen gegenüber auszudrücken und ist trotz kurzfristiger Jugendbewegtheit eine Vertreterin jener Frauengeneration geblieben, die gelernt hat, "die kleinsten Regungen" im Gesicht der inappellablen Väter zu deuten und sich entsprechend zu verhalten. Wie das einst aus dem Nest geworfene Küken bettelt die alternde Frau stumm um kleine Zeichen seiner Zuwendung und sucht die Schuld für das Scheitern von Nähe nicht bei ihm, sondern bei sich.

Schweigen und Lücken

Da auch Berta kränkelt, scheint zumindest Friedas Fürsorgestunde gekommen, doch sie wird auch in dieser Rolle rasch verdrängt von der illegalen ukrainischen Pflegerin Ludmila, der Theo mit jener Wärme und Offenheit begegnet, die Frieda so schmerzlich vermisst. Dass sie darauf mit Eifersucht reagiert, ist so verständlich wie traurig. Als Ludmila in ihre Heimat zurückkehrt, schickt ihr der Vater seine Tochter nach, um die geliebte Perle zurückzubringen, was nicht gelingen wird. Bereitwillig tritt Frieda die Reise an, mit dem Kriegstagebuch des Vaters im Koffer und ihrem Jugendfreund Edgar an der Seite, mit dem sie ebenfalls eine vergeblich nachgetragene Liebe verbindet -die Beziehung zum Vater bestimmt häufig das Beziehungsschema der Töchter - und der seinerseits auf Spurensuche nach seinen jüdischen Vorfahren ist.

Beide werden nicht finden, was sie suchen: In Theos Kriegstagebuch sind die zentralen Ereignisse mit Schweigen und Lücken zugedeckt, und in der Ukraine will sich keiner mehr an die einstigen jüdischen Bewohner und die Kollaboration mit den Nationalsozialisten erinnern. Das ist auch als politischer Kommentar zum aktuellen Ukraine-Bild der EU lesbar.

Als es mit Theo zu Ende geht, beginnt sogar Berta Friedas Nähe zu suchen, und es ist zu befürchten, dass Frieda sogar bei ihr das Pflegeamt annehmen wird. Auch wenn Bertas Bosheit und Herrschsucht mit verweigerter Mutterschaft erklärt wird - Theo wollte kein zweites Kind -, erhält sie im Roman Züge einer Karikatur, wohl weil wir sie vor allem mit den Augen der verstoßenen Stieftochter sehen. Am verwunderlichsten ist vielleicht, dass sich Frieda bis zum Tod ihres Vater an der Frage von dessen Kriegsschuld abarbeitet, sich die Tatsache seiner Schuld als Vater aber nicht wirklich eingesteht. Das hätte ihr einen klaren Schnitt schon vor einem halben Jahrhundert ermöglicht. Freilich könnten wir dann nicht Mitgutschs subtil in sich kreisende, poetische Analyse dieser stummen Familienmalaise lesen.

Die Annäherung

Roman von Anna Mitgutsch

Luchterhand

2016

448 Seiten, geb., € 23,70