Feuilleton

Schillers „Don Karlos“ in gefährlicher Stille

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Wo Tyrannei herrscht, da sind Gewalt und Brutalität selbstverständlich. In Martin Kušejs „Don Karlos“-Inszenierung werden unliebsame Bürger von König Philipps Schergen in den Tod gestürzt. Ein Wasserloch am Boden der Burgtheater-Bühne (Annette Murschetz) wird zu ihrem – und am Ende auch zu Don Karlosʼ – Grab. Friedrich Schillers „Don Karlos“ ist die dritte Eigeninszenierung, die Neo-Burgtheater-Direktor aus München importiert hat. Der Haupt-Effekt des Abends ist die absolute Dunkelheit. Die Bühne ist mit schwarzem Samt abgehängt, die Akteure sprechen nicht nur leise, um der nach Schiller gebotenen „Ruhe und Stille“ zu entsprechen, ihr Text versinkt geradezu wie unter einer Decke. Hier bleibt so manches im Verborgenen, heimliche Begegnungen, Liebesszenen und konspirative Treffen. Blackouts strukturieren die jeweiligen Szenen, in mittlerweile jeder Kušej-Inszenierung sind sie effektiv eingesetzt. Zwischendurch fährt eine Art dunkelblaue Gummizelle an die Rampe: Intimität ist stets gefährlich und die Stachel des klaustrophobischen Raumes bedeuten Gefahr für die Akteure. So mancher ist hier versehrt, die meisten innerlich, einige auch physisch. Katharina Lorenz verfügt als intrigante und vom Titelhelden nicht wiedergeliebte Prinzessin Eboli nur über ein gesundes Auge, König Philipps (Thomas Loibl) rechte Hand ist verkrüppelt und Graf von Lerma (Bardo Bohlefeld) muss am Stock gehen.

Kušej denkt das Spanien des 16. Jahrhunderts mit finsteren Europa-Visionen zusammen. Für die alles andere als hellsichtigen Regierenden sind die Bürger nur Schachfiguren, die es auf ihren Machtfeldern zu schieben gilt. Manchmal werden sie mitten in Lichtkegel gestellt, dann werden einzelne Körperteile ausgeleuchtet, hin wieder verbleiben sie in absoluter Dunkelheit. König Philipps Ausspruch, dass die Sonne in seinem Reich nie untergeht, wird durch einen überdimensionalen Glasluster verbildlicht. Kaltes Licht leuchtet in die Totenstille.

Diese und ihr Urheber Philipp II. stehen im Zentrum von Kusejs 4½-stündiger Inszenierung. Thomas Loibl als Philipp ist ein Gewinn fürs Burgtheater: Er fächert die Facetten des armseligen Gewaltherrschers auf, der sich selbstverständlich nimmt, was er begehrt, bei Frau und Sohn allerdings wehleidig und rachsüchtig reagiert. Überzeugend ist auch Nils Strunk als ungestümer Don Karlos. Franz Pätzold als Freund Marquis von Posa ist teilweise manieriert, ein kühner Sonderling, von dem man nie ganz genau weiß, auf wessen Seite er gerade steht. Doch er interessiert als ungewöhnlicher Intellektueller, als verwegener und kluger Revolutionär, als Schillers Alter Ego, der die kleingeistige Bürokratie und dumme Schläue der opportunistischen Höflinge bekämpft. Seine Forderung nach „Gedankenfreiheit“ ist hochaktuell, das gilt nicht nur für autoritäre Regierungen. Subtil und zugleich klar zieht Kušej Parallelen ins heutige Österreich. In gefährlicher Stille und Angststarre versteht sich Schillers Freiheitsdrama als Warnung vor blinder Bürokratie, die viele im Publikum überzeugte.

Don Karlos
Burgtheater, 7.11., 22.11., 29.11., 5.12., 9.12., 29.12.