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Slowakische Grand Opéra zum Jubiläum

Zum 100. Geburtstag des in Vergessenheit geratenen Eugen SuchoÇn wurde in Pressburg dessen Oper „Svätopluk“ neu herausgebracht. Ein Schlüsselwerk zum Verständnis der Slowakei mit ihrer wechselvollen Geschichte im 20. Jahrhundert.

Furtwängler, Böhm und Karajan haben seine Werke dirigiert, doch heute ist Eugen SuchoÇn im deutschen Sprachraum vergessen. Die Neuinszenierung seiner Oper „Svätopluk“ im dafür ideal geeigneten neuen Haus des Slowakischen Nationaltheaters rückt diese zentrale Persönlichkeit des slowakischen Musiklebens im 20. Jahrhundert wieder in den Vordergrund.

Von der Ersten Tschechoslowakischen Republik über den „Slowakischen Staat“ des Hitler-Vasallen Jozef Tiso, das demokratische Intermezzo nach 1945 und das kommunistische Regime spannt sich der Bogen von Eugen SuchoÇns Karriere, ohne dass sein Ansehen jemals nennenswerten Schaden genommen hätte. Und es war ihm gegönnt, nicht nur die demokratische Wende des Jahres 1989, sondern in seinem Todesjahr 1993 auch noch die Wiedererlangung der slowakischen Souveränität zu erleben. Dass der Musikpädagoge, Musiktheoretiker, Komponist und Politiker, der von Demokraten, Faschisten und Kommunisten gleichermaßen mit Auszeichnungen überhäuft wurde, bei all dem er selbst blieb, lässt an das innere Exil Dimitrij Schostakowitschs denken, doch SuchoÇn brach das Herz nicht.

Keine Apotheose des Klerikofaschismus

Schon seine erste Oper „KrútÇnava“ („Katrena“) hatte ein ungewöhnliches Schicksal. Kurz nach Ausrufung des „Slowakischen Staates“ trat man an ihn mit dem Auftrag heran, eine Nationaloper zu schreiben. Der junge Komponist, der in den Kreisen der musikalischen und literarischen Avantgarde verkehrte, war sich des Anachronismus’ der Aufgabenstellung bewusst und verweigerte sich in Musik wie Libretto einem plumpen Folklorismus und einer bloßen Apotheose des Klerikofaschismus. Die tief religiöse Oper wurde paradoxerweise fast zwei Jahre nach der kommunistischen Machtergreifung uraufgeführt.

Unmittelbar danach nahm SuchoÇn die Arbeit an seiner zweiten großen Oper, „Svätopluk“, auf. Schon in den Dreißigerjahren hatte er eine Schauspielmusik über diesen Herrscher des Großmährischen Reiches im 9. Jahrhundert verfasst; jetzt reifte in ihm eine Grand Opéra heran, die Kernprobleme der slowakischen Geschichte zum Inhalt hatte.

Wider Kirchenverfolgung und Stalinismus

Inmitten der Kirchenverfolgung betonte SuchoÇn die Überlegenheit des Christentums gegenüber dem Heidentum und unterstrich auf dem Höhepunkt des Stalinismus die Verantwortung des Einzelnen. Die Kritiker der Uraufführung im Jahr 1960 bemängelten denn auch die passive Rolle der Massen, doch auch dieses Werk war von der Bühne nicht zu verdrängen.

Die Tonsprache war freilich merklich spröder geworden, volksliedhafte Elemente fehlten völlig und SuchoÇns Orientierung an JanáÇcek und Puccini, seinem Prager Lehrer VíteÇzslav Novák und der Zweiten Wiener Schule trat deutlich hervor, sodass das Werk doch eher „eine feierliche Oper für außergewöhnliche und bedeutende Anlässe im Leben der Nation und des Landes“ blieb. Dafür musste diesmal neben dem Jubiläum des Komponisten der 90. Jahrestag der Ausrufung der Republik herhalten.

Permanenter Kulturkampf

Allzu viel Vertrauen scheint Opernchefin Gabriela BeÇnaÇcková in das Werk nicht zu haben, denn bis zum Februar sind nur zwei Aufführungen in Pressburg und eine in Brünn angesetzt, doch der zehnminütige Premierenapplaus machte deutlich, dass „Svätopluk“ auch heute unter die Haut geht. Nationalbewusste Slowaken fühlen sich angesichts des permanenten Kulturkampfs zwischen Linksliberalen und Katholiken sowie der Eskalation des Konflikts mit der ungarischen Volksgruppe vom Aufruf Svätopluks zur Eintracht und zur Abwehr ungarischer Forderungen aktuell angesprochen und die ausländischen Premierenbesucher zeitlos durch die opulente Inszenierung des Filmregisseurs Juraj Jakubisko, der die verwirrenden Vorgänge auf der Bühne optimal entflechtet.

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